23.03.2021

Konsequenzen aus Missbrauchsgutachten

Woelki verteidigt sich

Nach der Veröffentlichung eines Missbrauchsgutachtens lehnt der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki einen Rücktritt ab. Bei einer Pressekonferenz gestand er dennoch Reue ein - weil er moralische Fehler gemacht habe. 

Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln, bei einer Pressekonferenz des Erzbistum Köln zur Vorstellung der Konsequenzen aus dem vergangene Woche veröffentlichten Missbrauchsgutachten.
Verspricht, Dinge besser machen zu wollen: Kölns Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki

Von Schuld, "systembedingter Vertuschung" und "beschämenden Unzulänglichkeiten" spricht der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki. Und immer wieder von Fehlern - zu vielen Fehlern. Wenn es um die Frage geht, wie frühere Erzbischöfe, Generalvikare, Personalchefs und weitere hohe Amtsträger in seinem Erzbistum mit Missbrauchsfällen umgingen, klingen Woelkis Ausführungen wie die eines Menschen, der sich schämt. "Der Ruf der Kirche ist höher bewertet worden als das Leid der Betroffenen", sagte er am Dienstag vor Journalisten: "Generell fehlte es an Mitgefühl, generell fehlte es an Empathie mit ihnen. Ihnen wurde häufig nicht einmal zugehört."

Es war die erste Pressekonferenz nach der Vorstellung eines Missbrauchsgutachtens für sein Erzbistum am vergangenen Donnerstag. Die Untersuchung hält in 24 von 236 ausgewerteten Aktenvorgängen insgesamt 75 Pflichtverletzungen durch acht Amtsträger fest. Sie gingen zum Beispiel einem Verdacht nicht nach oder kümmerten sich nicht um die Opfer. Dem Kardinal selbst wirft das Gutachten keine Pflichtverletzungen vor.

Noch am Donnerstag entband Woelki hohe Geistliche von ihren Aufgaben. Mittlerweile haben der heutige Hamburger Erzbischof Stefan Heße (54) sowie der Kölner Weihbischof Dominikus Schwaderlapp (53) - beide ehemalige Generalvikare in Köln - Papst Franziskus ihren Rücktritt angeboten. Weihbischof Ansgar Puff (65) ist auf eigenen Wunsch vorläufig beurlaubt wegen eines Falls aus seiner Zeit als Personalchef.

Am Dienstag sollte es eigentlich darum gehen, welche weiteren organisatorischen Schritte das Erzbistum ergreift, um einen besseren Umgang mit Missbrauchsfällen in Zukunft zu gewährleisten. Streckenweise stand aber der Kardinal selbst wieder mehr im Mittelpunkt als etwa die künftige Stärkung zuständiger Verwaltungsstellen oder die Einrichtung einer unabhängigen Aufarbeitungskommission. Immer noch fordern etliche Kritiker Woelkis Rücktritt.

Den schloss der Kardinal klar aus. "Das ist mir zu einfach, und in meinen Augen ist es auch falsch, denn die Probleme würden nach meinem Weggang bleiben", sagte er in seinem Anfangsstatement, das stellenweise an eine Predigt erinnerte.

Auch zum Fall O. äußerte er sich. In den vergangen Wochen war Woelki vorgeworfen worden, er hätte Missbrauchsvorwürfe gegen den befreundeten Priester O. 2015 pflichtwidrig nicht an den Vatikan gemeldet. Die Gutachter stellten hier allerdings kein Fehlverhalten fest. O. sei 2015 ein "Schwerstpflegefall" gewesen - ein Verfahren gegen ihn hätte gar nicht mehr durchgeführt werden können, so die Juristen.

"Es geht nicht nur darum, das Richtige zu tun, sondern alles Menschenmögliche zu tun", gestand Woelki nun mit Blick auf O. ein: "Und das habe ich nicht getan." Er hätte die Vorwürfe doch besser nach Rom melden sollen, auch wenn er dazu nicht verpflichtet gewesen sei.

Auch in einem anderen Fall hinterfragte er seine Entscheidungen - im moralischen und nicht im rechtlichen Sinn. Hier hätte er einen anderen beschuldigten Geistlichen schon viel früher suspendieren und sich damit auch über die Vorgaben der Glaubenskongregation hinwegsetzen sollen, räumte der Erzbischof selbstkritisch ein.

"Das beschäftigt mich und lässt mich zweifeln", ergänzte Woelki und versprach, er wolle es nun besser machen und etwa für klarere Entscheidungswege sorgen.

Besonders viele Pflichtverletzungen - nämlich 23 von 75 - hat den Gutachtern zufolge Woelkis Vorgänger Joachim Meisner (1933-2017) zu verantworten. Von 1990 bis 1997 war Woelki der Geheimsekretär des Erzbischofs, von 2003 bis 2011 Weihbischof unter Meisner.

In beiden Ämtern habe er keine direkte Personalverantwortung gehabt, erklärte der Erzbischof auf etliche Nachfragen und geriet dabei hin und wieder ins Stocken. Als Weihbischof habe er zwar der Personalkonferenz angehört; dort seien die Fälle aber nur "irgendwie thematisiert" und "so explizit nicht behandelt worden".

Auch auf die Frage, wie er mit dem Gedächtnis an seinen verstorbenen Vorgänger umgehen wolle, antwortete Woelki eher zurückhaltend. Manches an Kardinal Meisner hätte er sicher kritischer sehen und bewerten müssen, sagte er etwa mit Blick auf seine Predigt bei Meisners Beerdigung. Eine Debatte um die Umbenennung eines Kardinal-Meisner-Platzes in Thüringen könne er gut verstehen. Und ob etwa die Erträge der bistumseigenen Kardinal Meisner-Stiftung zugunsten von Missbrauchsopfern umgewidmet werden könnten, müssten zunächst Juristen und Stiftungsfachleute klären.

"Das sind erste Schritte, denen weitere folgen werden und müssen", betonten Woelki und Generalvikar Markus Hofmann mehrfach, um den Blick nach vorne zu richten. Doch man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass der Blick zurück - auch auf die Rolle des Kardinals - noch längst nicht abgeschlossen sein dürfte.

kna/Anita Hirschbeck