24.02.2022

Pirmin Spiegel im Interview

"Wir wollen zeigen, dass Veränderung Freude machen kann"

"Es geht! Gerecht" - so lautet das Motto der Misereor-Fastenaktion 2022. Im Interview erklärt Pirmin Spiegel, der Hauptgeschäftsführer des bischöflichen Hilfswerks, was das Ziel der Aktion ist - und wie sie konkret dazu beitragen soll, die Klimakrise zu bekämpfen.

Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer von Misereor
Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer von Misereor

Welches Ziel wollen Sie mit der Fastenaktion 2022 erreichen?

Wir wollen zeigen: Das Problem der Erderhitzung ist nicht vom Himmel gefallen. Patricia Espinosa, die Leiterin des UN-Klimasekretariats, hat bei der Eröffnung der Klimakonferenz in Glasgow gesagt: „Wir sind auf dem Weg zu einem globalen Temperaturanstieg von 2,7 Grad, obwohl wir 1,5 Grad erreichen sollten.“ Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden Millionen von Menschen in große Gefahr kommen. Mit der Fastenaktion wollen wir bereits bestehende innovative Lösungen großmachen. Und wir wollen Geschichten des Gelingens erzählen, um zu zeigen: Wir stehen dem Problem nicht ohnmächtig gegenüber. So wollen wir dazu animieren, einen Beitrag zu leisten.

Wie soll das konkret gehen?

Wir erzählen nicht nur gelingende Geschichten aus Bangladesch und von den Philippinen, sondern auch aus Deutschland, etwa von einer Bürgerinitiative für eine klimafreundlichere Stadt oder vom Anbau von Bio-Gemüse auf begrünten Dächern. Wir wollen durch diese positiven Geschichten zeigen, dass Veränderung Freude machen kann. Es geht uns in der Fastenaktion nicht um Verzicht um des Verzichts willen, sondern um einen Wandel, der Lebensqualität nicht vermindert, sondern fördert und auf Dauer ermöglicht, lokal und weltweit.

Wie wollen Sie es schaffen, dass Ihr Anliegen nicht überhört wird?

Viele Menschen wissen, wie dramatisch die Klimakrise ist. Unsere Fastenaktion soll sie neu zum Handeln motivieren. Wir wollen bewusstmachen, dass das Problem komplex ist, aber auch, dass Veränderung möglich ist. Wir wissen, dass große Strukturen verändert werden müssen: Energie, Stadt, Mobilität, Landwirtschaft. Gleichzeitig wollen wir zeigen, dass Einzelne konkret etwas tun können – durch ihre Mobilität, ihre Ernährung, ihr politisches Engagement, ihre Wahlentscheidungen.

Wie sinnvoll ist überhaupt die Fokussierung auf die Verantwortung der Einzelnen? Lenkt sie nicht viel zu sehr ab von der viel größeren Verantwortung der Politik und der Kohle-, Öl- und Gaskonzerne?

Das eine hängt mit dem anderen zusammen. Eine wirksame CO2-Steuer etwa ist entscheidend für die Bekämpfung der Klimakrise. Die Energiewende kann aber nur gelingen, wenn die Bevölkerung die massiven Veränderungen mitträgt, die wir jetzt brauchen. Wir wollen klarmachen, wie wichtig die Haltung der Einzelnen dabei ist. Ohne den Druck der Zivilgesellschaft wären wir bei der Energiewende nicht so weit, wie wir bisher sind.

Sie richten in Ihrer Fastenaktion den Blick vor allem auch auf Bangladesch. Warum?

In Bangladesch fliehen zurzeit wegen der Auswirkungen der Klimakrise mehr als tausend Menschen täglich in die Hauptstadt Dhaka. Sie müssen ihre Heimat verlassen, weil durch den Anstieg des Meeresspiegels Siedlungsgebiete überschwemmt, Böden versalzen werden und Landwirtschaft unmöglich gemacht wird. In der Stadt haben sie keine Arbeit und keine Wohnung, und Rechte werden ihnen verwehrt. Durch den Blick nach Bangladesch wollen wir zeigen: Die Klimakrise ist kein Problem von morgen. Sie ist ein Problem von heute.

Teil Ihrer Fastenaktion ist die MAX-1,5°-Aktion. Was erhoffen Sie sich davon?

Wir transportieren damit fünf klare Forderungen an die Politik. Wir fordern, dass Deutschland die Länder des Globalen Südens bei der Anpassung an die Folgen des Klimawandels und bei der Bewältigung der Schäden und Verluste stark unterstützt. Wir fordern einen sozial-gerechten Umbau der deutschen und europäischen Wirtschaft und der Energieversorgung. Einen wirksamen CO2-Preis, der sozial ausgeglichen wird. Die Abschaffung aller klimaschädlichen Staatsausgaben. Und wir wollen, dass Klimagerechtigkeit als Leitlinie in allen Politikfeldern verankert wird.

Solche Forderungen sind nicht neu, die Politik hat kein Erkenntnisproblem. Warum sollte ausgerechnet Ihre Fastenaktion sie zum entschlossenen Handeln bewegen?

Unsere Kirche hat nach wie vor 10.000 Pfarrgemeinden. Wir sind in Eine-Welt-Gruppen, in Schulen, in Verbänden, wir haben viele Ehrenamtliche. Dieses Gewicht bringen wir in den Verhandlungen mit der Politik ein. Wir werden mit unserer Fastenaktion wahrscheinlich nicht den einen großen Sprung in der Politik ermöglichen. Aber wir wollen sie in eine Richtung lenken, die zukunftsfähig ist. Wir werden nicht ruhen – weil es um Menschenwürde und die Bewahrung der Schöpfung geht.

Wie dramatisch schätzen Sie die Klimakrise ein?

Wir wollen keinen Alarmismus machen. Aber wir wollen klarmachen: Wir können so nicht weitermachen. Es ist wissenschaftlich klar belegt, welch katastrophale Konsequenzen jedes zusätzliche Grad Erderwärmung hat. Wir müssen das 1,5-Grad-Ziel aufrechterhalten, um die Lebensqualität der heute und zukünftig Betroffenen zu sichern.

Was helfen alle nationalen Klimaschutz-Anstrengungen, wenn entscheidende Staaten wie China nicht mitziehen und ihre Kohlekraftwerke sogar ausbauen?

Diese Frage macht mir auch Sorgen. Seit dem Pariser Klimaabkommen 2015 sind die Emissionen jährlich massiv gestiegen – obwohl vereinbart worden war, sie zu reduzieren. Und China erzeugt aktuell mehr Emissionen als jedes andere Land der Welt. Umso wichtiger ist es, dass die Zivilgesellschaft weltweit weiter hohen Druck macht und Allianzen bildet. Nur dann kann sich etwas ändern. Wir brauchen deutlich mehr Klimaschutz – jetzt und nicht erst in einigen Jahren. Denn je später wir damit beginnen, desto höher werden die Kosten und desto schlimmer werden die Folgen der Erderhitzung.

Interview: Andreas Lesch