05.11.2021

Die katholische Kirche hat Widerstandskämpferinnen oft vergessen

Warum wir Edith kennen, aber Gertrud nicht

Bernhard Lichtenberg ist seliggesprochen worden, Gertrud Jaffe kennt kaum jemand: Warum hat die Kirche Widerstandskämpferinnen der NS-Zeit vergessen?

Foto: kna/Wolfgang Radtke
Berühmte Ausnahme: Die Jüdin Edith Stein konvertierte zum katholischen Glauben und wurde Benediktinerin. Sie wurde heiliggesprochen und wird weltweit verehrt. Foto: kna/Wolfgang Radtke


Sie tippte in der Nazizeit die Predigten des Münsteraner Bischofs von Galen gegen die Euthanasiemorde - und bezahlte das mit ihrem Leben: Maria Terwiel, hingerichtet mit 33 Jahren am 5. August 1943 in Berlin-Plötzensee. Zusammen mit ihrem Verlobten, dem evangelischen Zahnarzt Helmut Himpel, bei dem der Schauspieler Heinz Rühmann in Behandlung war, versorgte sie untergetauchte Juden mit Lebensmitteln - obwohl sie das zusätzlich in Gefahr brachte: Nach der Rassenideologie der Nazis galt Terwiel als "Halbjüdin"; denn ihre Mutter, die 1909 katholisch geworden war, entstammte einer jüdischen Familie.

Es sind katholische Frauen wie diese, die wegen ihres Widerstands gegen die Nazis starben, und die dennoch weitgehend unbekannt geblieben sind. "Dies ist ein Bereich, der in der Tat von der Kirche vernachlässigt wurde. Wahrgenommen wurden in erster Linie die Männer und in zweiter Linie die Frauen. Sie wurden nicht ganz verschwiegen, aber es wurde zu wenig auf sie geachtet", bestätigt Pfarrer Lutz Nehk, Beauftragter für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit des Erzbistums Berlin. Die heilig gesprochene Ordensfrau Edith Stein, die wegen ihrer jüdischen Wurzeln verfolgt und 1942 im KZ Auschwitz ermordet wurde, sei eine Ausnahme.

Der ehemalige Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg hat seinen eigenen Gedenktag - den 5. November, an dem es im Erzbistum Berlin regelmäßig Wallfahrten und Gottesdienste zum Gedenken an ihn gibt. Er wurde 1996 von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen und damit zum Vorbild des Glaubens erhoben. Den anderen "Märtyrern des Berliner Erzbistums" gedenkt die Kirche allgemein am 8. November - dazu gehören auch die Frauen. "Priester, die gegen die Nazis engagiert waren, bekommen von der Kirche mehr Aufmerksamkeit. Und es gibt auch viele männliche Laien, die herausgestellt wurden. Aber Frauen eben leider nur wenige", räumt Nehk ein.

Ein Grund dafür sei auch, dass es weniger Frauen als Männer im Widerstand gab. "In Plötzensee wurden etwa 20.000 Menschen hingerichtet, darunter 300 Frauen", sagt Nehk. Dies spiegle auch die damalige gesellschaftliche Ordnung wider, bei der Frauen eher im Hintergrund wirkten. "Bei der Widerstandsgruppe des 20. Juli etwa hatten sich Mitglieder des Militärs zusammengeschlossen. Da gab es keine Frauen."

 

Frauen setzten sich politisch bewusst gegen die Nazis ein

Frauen, die sich in die Politik einmischen, passten nicht in die Zeit. Hitler hatte betont: "Die Frau hat die Aufgabe schön zu sein und Kinder zur Welt zu bringen." Dieses Weltbild war mit dem Ende der Nazi-Zeit nicht einfach verschwunden. Für die Frauen von hingerichteten Widerstandskämpfern ging "ihr Martyrium" nach 1945 weiter, so Nehk: Sie wurden als "Verräterfrauen, ihre Kinder als Verräterkinder verunglimpft. Die Bundesrepublik hat sie zunächst nicht gut behandelt. Es gab keinen finanziellen Ausgleich."

Umso bemerkenswerter, dass es Frauen gab, die nicht nur Mitwisserinnen waren, sondern sich politisch ganz bewusst gegen die Nazis stellten. Etwa Eva Maria Buch, die 1942 mit 22 Jahren hingerichtet wurde, weil sie Mitglied der von den Nazis "Rote Kapelle" genannten Widerstandsgruppe war. Als sie vor Gericht gefragt wurde, warum sie nicht die Mitangeklagten angezeigt habe, antwortete sie: "Dann wäre ich ja so niederträchtig und verdorben, wie Sie mich hinstellen wollen." In der Urteilsbegründung wurde ihr daraufhin "die Verschlagenheit einer Katholikin und die Staatsfeindlichkeit einer Kommunistin" vorgeworfen.

Auch Gertrud Jaffe gehört zu den vergessenen Gegnerinnen, die im KZ Stutthof mit 41 Jahren starb. Sie entstammte einer jüdischen Familie und wurde 1936 getauft. Kurz nach den November-Pogromen 1938 nahm sie Kontakt mit dem "Hilfswerk beim Bischöflichen Ordinariat Berlin" auf und bemühte sich besonders um die Rettung jüdischer Kinder ins Ausland.

Mittlerweile gibt es Stolpersteine, die an die Frauen erinnern; vereinzelt werden auch Straßen nach ihnen benannt. Grundsätzlich bestehe aber Nachholbedarf, sagt Pfarrer Nehk. "Es gibt im Vatikan aktuell kein Seligsprechungsverfahren für katholische Frauen aus dem deutschen Widerstand", bedauert er.

kna