04.09.2020

Kirchenlexikon: die Höllenfahrt Christi

War Jesus in der Hölle?

Wo war die Seele von Jesus Christus nach seinem Tod am Kreuz und vor der Auferstehung am dritten Tag? Darauf antwortet die Lehre von der Höllenfahrt.

Im Apostolischen Glaubensbekenntnis heißt es über Jesus: „Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben, begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten.“ Und die alte Übersetzung formuliert noch eindeutiger: „Hinabgestiegen in die Hölle.“ Tatsächlich gibt es im Christentum die Vorstellung, dass Jesus in der Zeit nach seinem Tod in die Unterwelt, in die Hölle, hinabgestiegen ist. Er habe dort gepredigt und die Seelen der Gerechten befreit, die vor ihm gelebt haben. 

In der Kunst der Ostkirchen wird diese sogenannte Höllenfahrt Christi ganz deutlich: Jesus steht auf den Trümmern des Tores zur Unterwelt und führt Adam und Eva als Erste der Erlösten aus der Hölle heraus. Dieses Siegerbild ist das zentrale Osterbild in der Orthodoxie.
Um diese Vorstellung zu stützen, werden vor allem zwei Bibelstellen zitiert. Im Brief an die Epheser (4,10) heißt es: „Wenn es heißt: Er stieg aber hinauf, was bedeutet dies anderes, als dass er auch zur Erde herabstieg? Derselbe, der herabstieg, ist auch hinaufgestiegen über alle Himmel, um das All zu erfüllen.“ Und der erste Petrusbrief (3,19) sagt: „In ihm ist er auch zu den Geistern gegangen, die im Gefängnis waren, und hat ihnen gepredigt.“

In der Westkirche ist die Höllenfahrt Christi in Vergessenheit geraten. „Den meisten Christen erscheint diese Vorstellung fremd“, heißt es im Katholischen Erwachsenenkatechismus. Dabei gehört die Vorstellung der Höllenfahrt für viele Theologen zur Liturgie des Karsamstags als Tag der Trauer und des Schweigens. Der Schweizer Theologe Hans Urs von Balthasar etwa interpretierte die Unterwelt als Gottverlassenheit, die Jesus auf sich genommen hat, um den Sündern, die sich gegen Gott entschieden haben, nahe zu sein. Für ihn ist die Höllenfahrt Jesu ein entscheidendes Element: Ohne sie ist die Auferstehung nicht zu verstehen. Gottes Liebe strahlt selbst in die Finsternis und Verdammnis, Jesus bringt den Gottverlassenen in der Hölle wieder Hoffnung und Rettung.

Von Kerstin Ostendorf