07.05.2020

Keine Spur von Emmanuela Orlandi

Ein ungelöster Fall

Es ist einer der mysteriösesten Kriminalfälle in der italienischen Geschichte - und nach wie vor gibt es keine Spur von Emmanuela Orlandi.

Foto: kna/Vatican Media/Romano Siciliani
Im vergangenen Jahr wurden Gräber auf dem deutschen Friedhof im Vatikan geöffnet, in der Hoffnung, einen Hinweis auf den Verbleib von Emmanuela Orlandi zu finden. Foto: kna/Vatican Media/Romano Siciliani


Das Verschwinden von Emanuela Orlandi, Tochter eines Hofdieners von Papst Johannes Paul II. (1978-2005), zählt zu den mysteriösesten Kriminalfällen der italienischen Geschichte. Alle Versuche, ihr Schicksal aufzuklären, sind bislang fehlgeschlagen. Jetzt haben die vatikanischen Ermittler den Fall zu den Akten gelegt, viele Fragen bleiben offen.

Alles begann am 22. Juni 1983, als die damals 15-jährige Orlandi vom Musikunterricht nicht nach Hause zurückgekehrte. In den folgenden Jahrzehnten entspannen sich um ihr Verschwinden zahllose Gerüchte und Verschwörungstheorien. Eine besagt, das Mädchen sei entführt worden, um eine Freilassung des Türken Mehmet Ali Agca (62) zu erzwingen. Dieser hatte 1981 auf dem Petersplatz ein Attentat auf Papst Johannes Paul II. verübt. Spekuliert wurde auch über eine Erpressung der Vatikanbank durch eine römische Mafia-Organisation oder vatikanische Sex- und Drogenpartys, deren Opfer Emanuela geworden sein könnte. Doch all dies ließ sich nie beweisen.

Immer wieder meldeten sich anonyme Quellen bei der Polizei mit schrägen Hinweisen zum Verbleib des Mädchens. Mal wurde Emanuela Orlandi angeblich in Paris, dann in Ungarn, im Irak oder in der Türkei vermutet. Selbst ein Appell von Papst Johannes Paul II., die wahren Mitwisser sollten sich an die Behörden wenden, brachte kein Licht ins Dunkel. Die Ermittlungen wurden eingestellt. Die nicht enden wollende Ungewissheit muss eine unvorstellbare Seelenqual für die Angehörigen Orlandis sein.

Die italienische Justiz nahm im Mai 2012 nochmals Ermittlungen auf, nachdem in der Hauskirche der römischen Opus-Dei-Universität im Grab des Chefs der Magliana-Bande, Enrico De Pedis, fremde Knochen gefunden worden waren. Vermutungen, es handele sich um Überreste Orlandis, erwiesen sich jedoch als falsch. Abermals wurden die Untersuchungen eingestellt.


Hinweise führten zum deutschen Friedhof auf dem Vatikangelände

Im vergangenen Jahr schließlich gab es erneut Hoffnung, das Verschwinden Orlandis vielleicht doch noch aufklären zu können. Nach "konkreten Hinweisen" durch einen Informanten rückte der Campo Santo Teutonico, das Gelände des deutschen Friedhofs am Petersdom, ins Interesse der Familie Orlandi. Eine erste Nachforschung im Juli auf dem malerischen Kirchhof des alten deutschen Pilgerkomplexes in Rom verlief jedoch ergebnislos.

Arbeiter der Dombauhütte von Sankt Peter hoben die Grabplatte der Ruhestätte Sophies von Hohenlohe (1758-1836) ab, flexten einen Zugang zur darunter befindlichen Gruft frei und fanden - nichts. Die Kammer war leer. "Keine menschlichen Überreste", hieß es. Das gleiche Resultat ergab sich beim daneben liegenden Grab von Charlotte Friederike zu Mecklenburg (1784-1840). "Die Untersuchungen haben ein negatives Ergebnis gezeitigt", teilte der Vatikan mit. Vermutlich waren die Gebeine der Adelsdamen bereits Jahrzehnte zuvor umgebettet worden. Weiterführende Hinweise auf den Verbleib von Emanuela Orlandi entdeckte man nicht.

Auch weitere Nachforschungen führten nicht zum Ziel. Zwar entdeckte man bei der Öffnung von zwei nach Archiv-Recherchen gefundenen unterirdischen Gebeinkammern Tausende Knochen. Die passten aber allesamt nicht zu dem verschwundenen Mädchen. Die Altersbestimmung durch den vom Vatikan bestellten Forensiker Giovanni Arcudi im Beisein von Sachverständigen der Familie Orlandi ergab: Die Fragmente sind allesamt älter als 100 Jahre. Der Vatikan teilte nun vor einigen Tagen mit, dass die wiederaufgenommenen Mordermittlungen eingestellt würden. Ob der Verbleib Orlandis jemals geklärt werden kann, erscheint fraglich.


Familie kündigt weitere Untersuchungen an

Pietro Orlandi, der Bruder der Vermissten, will die Suche keinesfalls aufgeben und kündigte an, bestimmte Knochenteile noch einmal genauer durch eigene Experten untersuchen lassen zu wollen. Die Familie warte immer noch auf "Antworten auf alle Fragen", teilt er mit.

Einer, der eine Antwort gefunden haben will, ist Papst-Attentäter Agca, der in Italien am 13. Juni 2000 auf Bitten Johannes Paul II. amnestiert und in die Türkei ausgeliefert wurde. In einem Brief an Papst Franziskus schrieb Agca vor einigen Monaten, Emanuela Orlandi sei am Leben und befinde sich einem streng abgeschlossenen Kloster. Nähere Angaben zum Ort des Klosters oder zur Ordensgemeinschaft machte der 62-Jährige nicht. Der Fall Emanuela Orlandi - er wird wohl für immer ein ungeklärtes Rätsel bleiben.

kna