30.09.2020

Wein in der Bibel

Sinnbild für ein gutes Leben

Im Evangelium dieses Sonntags erzählt Jesus das Gleichnis von den Winzern, die Lesung aus dem Buch Jesaja singt das Lied vom Weinberg. Wein spielt eine große Rolle im biblischen Palästina. Das kommt nicht von ungefähr.

Das Weingut Cremisan in Beit Jala bei Betlehem
Der Weinbau hat in Palästina eine lange Tradition. Die bis heute währt: Das Foto zeigt das Weingut Cremisan in Beit Jala bei Betlehem. Es wird von der Ordensgemeinschaft der Salesianer Don Boscos betrieben. 

Von Christoph Buysch 

Ein Glas Wein ist eine wirklich schöne Sache. Das hat ganz grundsätzlich schon die Bibel festgestellt: „Du lässt Pflanzen für den Ackerbau des Menschen wachsen, die er anbaut, damit er Brot gewinnt von der Erde und Wein, der das Herz des Menschen erfreut.“ (Psalm 104) Wein hilft sogar aus Traurigkeit und lässt die Sorgen vergessen, wie das Buch der Sprichwörter weiß: „Gebt berauschenden Trank dem, der zusammenbricht, und Wein denen, die im Herzen verbittert sind.“ (Sprichwörter 31,6) 

Dabei ist dem Wein nicht gerade ein positiver Start in die Bibel gegeben, denn bei seinem ersten Auftreten in den Geschichten um Noah wird er von diesem im Übermaß genossen. Noah ist betrunken und liegt daraufhin entblößt in seinem Zelt, woraufhin sich einer seiner Söhne über ihn lustig macht (Genesis 9,21–25). Auch Abrahams Neffe Lot macht keine guten Erfahrungen mit dem Wein (Genesis 19,33–36). 

Es ist die Maßlosigkeit beim Weintrinken, die in der Bibel kritisiert wird. Bei den Propheten ist das Betrunkensein Teil eines schlechten Lebenswandels, nach dem Buch der Sprichwörter verhindert es sogar Reichtum, stiftet zu Lügen an und provoziert Streit. Daher gab es auch immer wieder Menschen wie Simson und Johannes der Täufer, die gelobten, keinen Wein mehr zu trinken.

Wenn man die Bibel allerdings in ihrer Gesamtheit in den Blick nimmt, wurde der Wein als Gottesgabe und besonderes Geschenk der Schöpfung geschätzt. Tatsächlich geht die Geschichte des Weinanbaus in Palästina bis in das 4. Jahrtausend zurück. Aus dieser Zeit hat man bereits Kelteranlagen gefunden. Eine solche Anlage zur Verarbeitung der Weintrauben bestand üblicherweise aus zwei Becken. Im ersten Becken wurden die Trauben getreten, in späteren Zeiten auch mit Hebelvorrichtungen gepresst, während das zweite Becken zum Auffangen des Traubensafts diente. Dieser Traubensaft wurde dann manchmal zu einer Art Honig eingekocht, üblicherweise aber zu Wein vergoren, was sich auch kaum verhindern ließ, da die Gärung in Palästina während der Erntezeit zwischen August und September schon nach einigen Stunden einsetzte. 

Wein steht für göttlichen Segen

Zur Gärung wurde der Saft in Tonkrüge oder Schläuche aus Tierhäuten gefüllt, in denen er ungefähr ein halbes Jahr lagerte, bevor man dem dann fertigen Rotwein (denn Weißwein oder Rosé gab es nicht) die Hefe entzog und ihn abfüllte. Man unterschied dabei nicht zwischen verschiedenen Rebsorten, sondern betitelte den Wein nach seinem Anbauort. So wird im Alten Testament von Wein aus dem Libanon, aus Helbon und En Gedi am Toten Meer berichtet. 

Man pflanzte den Wein dort wegen der besseren Sonneneinstrahlung gern in Hanglage, suchte dafür fruchtbaren Boden, grub ihn um, entfernte große Steine, legte Terrassen an und setzte eine geeignete Rebsorte, deren Name heute leider nicht mehr bekannt ist. Schließlich errichtete man einen Turm oder eine Hütte für die Arbeiter und zog eine Hecke oder eine Mauer um den ganzen Weinberg, um ihn vor Vieh und wilden Tieren zu schützen.

Schon zu Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. findet sich in der Erzählung des Ägypters Sinuhe die Bemerkung, dass es in Palästina mehr Wein als Wasser gebe. Und so gehört der Wein auch zu den Grundnahrungsmitteln der Israeliten, war Bestandteil aller Feste und auch vieler guter Mahlzeiten. Wein ist deswegen auch Sinnbild für gutes Leben und göttlichen Segen. Das Glück einer guten Zeit kann dann beim Propheten Amos auch so beschrieben werden: „... da triefen die Berge von Wein und alle Hügel fließen über!“ (Amos 9,13) Und selbst das größte aller Gefühle – die Liebe – wird im Hohelied mit Bildern aus dem Weinanbau beschrieben und gipfelt in dem Satz: „Süßer als Wein ist (nur) deine Liebe!“ (Hohelied 1,2)

Doch taugen die Bilder aus dem Weinanbau biblisch auch dazu, Gewalt und die Strafe Gottes zu verbildlichen, wenn Gott selbst in prophetischen Visionen die feindlichen Völker in der Kelter zertritt (Jesaja 63,1ff und Offenbarung 19,15). Solche Bilder wirkten bis in die mittelalterliche christliche Mystik hinein, in der Christi Kreuzestod symbolisch in eine Weinkelter verlegt wird, aus der sein Blut zur Erlösung für alle fließt. 

Am Ende ein Festmahl mit erlesenen Weinen

Und schließlich dienten die Weinberge Palästinas als bildliche Beschreibung eines weiteren theologischen Themas: der Beziehung Gottes zu seinem Volk. Gott ist wie in den Texten dieses Sonntags meist der Erbauer oder Besitzer des Weinbergs, Israel ist der Weinberg selbst, Gottes Schöpfung, sein Eigentum. Dieser Weinberg wird mal durch äußere Mächte, mal durch eigene Schuld verwüstet, mal wieder prächtig erblühen und Früchte tragen (Jesaja 27,2–6). 

Auf diese Weise finden sich in den Bildern von Weinberg, Weinstock und Wein als göttlichem Getränk sogar Vorstellungen vom kommenden Reich Gottes wieder, wenn Gott und sein Volk endgültig zueinandergefunden haben werden und dies alles auch als großes Fest beschrieben werden kann. „Der Herr der Heerscharen wird auf diesem Berg für alle Völker ein Festmahl geben mit den feinsten Speisen, ein Gelage mit erlesenen Weinen, mit den feinsten und besten Speisen, mit den feinsten und erlesensten Weinen.“ (Jesaja 25,6)