13.06.2018

Eine Erstkommunion-Katechetin erzählt

Ob da was wächst?

Seit gut 20 Jahren bereitet Steffi Kathmann Kinder auf die Erstkommunion vor. Sie sät einen Samen, aber sie weiß nicht, was daraus wird. Die Katechetin erzählt, warum sie mit dieser Ungewissheit gut leben kann.

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Die Launen des Lebens: Wer einen Samen in die Erde gibt, kann immer nur hoffen, dass er aufgeht. Foto: istockphoto

Vor ein paar Jahren hat Steffi Kathmann ein Mädchen auf die Erstkommunion vorbereitet, das war total begeistert. „Die ist mit einem Strahlen gekommen und hat uns in den Arm genommen und war so richtig Feuer und Flamme.“ Aber dann war die Erstkommunion vorbei, die Eltern konnten mit Kirche nichts anfangen, und Steffi Kathmann hat das Mädchen nie wiedergesehen. Sie sagt: „Das hat mir für sie sehr leidgetan.“ Denn das Mädchen wollte in die Gemeinde hineinwachsen – und konnte es nicht.

Seit gut 20 Jahren engagiert sich Steffi Kathmann (49) in Lohne als Katechetin, mehr als 500 Kinder hat sie in der Gemeinde im Oldenburger Land auf die Erstkommunion vorbereitet. Sie hat oft erlebt, was gemeint ist, wenn es an diesem Sonntag im Evangelium heißt: „Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht, wie.“ Steffi Kathmann sagt: „Ich will den Kindern zeigen, wie reich und bunt unser Glaube ist. Aber ich kann das nur anschubsen. Den Rest müssen der liebe Gott und der Heilige Geist regeln.“ Kann sie damit leben – mit dieser Ungewissheit, ob aus ihrer Saat etwas wird? „Ja, damit kann ich leben. Damit kann ich gut leben.“

„Ich habe nie gedacht, dass das für die Katz ist“

Steffi Kathmann hat erfahren, wie es im Laufe der Jahre schwieriger geworden ist, bei den Erstkommunionkindern zu säen und zu ernten. Denn heute sind mehr Kinder als früher weit weg von Kirche. Viele wissen wenig über den Glauben. Sie werden nicht von ihren Eltern bestärkt. Sie kennen es nicht mehr, dass vor dem Essen gebetet wird – und wenn, dann nur von Oma und Opa. Sie haben kein Gefühl dafür, wie sie sich in der Kirche verhalten sollen. Früher hat Steffi Kathmann still gegrummelt, wenn Kinder beim Segen nicht wussten, wie sie das Kreuzzeichen machen sollen. „Ich musste mir aneignen, das nicht zu verurteilen“, sagt sie. „Ich bin gelassener geworden.“ Heute zeigt sie ihnen einfach, wie das Kreuzzeichen geht.

Wenn sie viele schwierige Kinder in einer Gruppe hat, empfindet sie die Kommunionvorbereitung als anstrengend. „Aber ich habe noch nie gedacht, dass das für die Katz ist.“ Sie hofft, dass sie jedem Kind etwas von ihrer Glaubensfreude mitgeben kann. „Das ist meine Motivation durch all die Jahre.“ Was dann daraus wird? Sie freut sich, wenn Kommunionkinder später Messdiener werden oder Lektor. Wenn sie sich in der Hauptschule, wo sie Lehrerin ist, an die gemeinsame Zeit erinnern. Oder wenn sie die Kinder in der Stadt wiedertrifft und sie sie ansprechen: „Du hast mich doch auf die Erstkommunion vorbereitet!“ Dann denkt sie: „Oh, wie cool! Da ist was hängengeblieben.“

Manchmal braucht der Samen, den Steffi Kathmann sät, länger, bis er Ertrag bringt. Sie kennt viele Menschen, die nach ihrer Firmung aus der Kirchengemeinde verschwunden sind. Aber irgendwann, wenn sie selbst Eltern sind, tauchen sie in der Kinderkirche wieder auf. Weil sie spüren: Da ist etwas, das ist mir wichtig, und das will ich an meine Kinder weitergeben. Steffi Kathmann würde sich freuen, wenn auch das begeisterte Mädchen, das sie nach der Erstkommunion nie wiedergesehen hat, noch zurückkommt in die Kirche: „Ich hoffe, dass da irgendwo in ihr was ist, worauf sie vielleicht mal zurückgreift. Dass ich etwas reinlege in die Kinder, das in ihnen keimt und das sie später rauskramen können.“ Etwas, das ihnen hilft, zu Menschen zu werden, denen der Glaube Halt und Freude schenkt.

Oft aber bringt das, was sie sät, auch schneller einen Ertrag. Sie spürt das, wenn die Kinder mit einem Lächeln zu den Treffen der Kommunionvorbereitung kommen. Wenn sie ihr Fragen stellen. Wenn sie Spaß haben und eine Zeit erleben, die ihnen als wertvoll in Erinnerung bleibt. Aber auch, wenn sie beim zweiten oder dritten Treffen in der Kirche von selbst ein Kreuzzeichen mit Weihwasser machen – und damit zeigen, dass dieses Zeichen für sie schon normal geworden ist.

„Tante Hedwig kann doch auch ein Star sein, oder?“

Steffi Kathmann versucht den Kindern zu vermitteln, was die Rituale bedeuten, die es in der Kirche gibt. Die Kniebeuge etwa: Vor Gott bin ich klein, mit Gott bin ich groß. „Ich habe das den Kindern immer wieder gesagt und vorgemacht“, sagt sie. „Ich habe das absolut verinnerlicht – und hoffentlich die Kinder irgendwie auch.“ Sie will ihnen zeigen, dass der Glaube nichts Abstraktes ist, sondern etwas Konkretes. Dass er in ihren Alltag gehört, in die Schule, in die Familie, überallhin.

Bei einem Vorbereitungstreffen spricht sie mit den Kindern über Sterne, und sie beginnt mit dem englischen Wort dafür: Stars. Wenn sie die Kinder fragt, wer für sie Stars sind, dann sagen sie: Cristiano Ronaldo. Oder: Thomas Müller. Und sie fragt: „Aber es kann doch auch Tante Hedwig ein Star sein, oder?“ Tante Hedwig, ein Star. Ein Stern, der unserem Leben eine Richtung gibt. Das könnte auch so ein Gedanke sein, der hängenbleibt.

Vielleicht gehen die Kinder, die Steffi Kathmann heute betreut, später einmal im Jahr zur Kirche. Das wäre doch schon mal was, findet die Katechetin: „Ich denke, über dieses Mal muss man sich freuen.“ Sie sieht bei dem, was sie macht, nicht das Risiko, dass ihre Saat verkümmert. Sondern die Chance, dass sie Früchte bringt.

Manchmal ist diese Frucht einfach ein wunderbarer Moment, voller Geist und Witz. Steffi Kathmann erinnert sich: Sie hatte mit den Kommunionkindern die Erstbeichte gemacht, und als einer der Jungen aus dem Beichtstuhl wieder herauskam, sagte er: „Das war voll cool da! Darf ich noch mal rein in diesen Schrank?“ Da dachte sie: Schön, dass er so eine Freude daran hat. Und schön, dass er das Gefühl hat, er darf das in der Kirche auch so sagen.

Von Andreas Lesch