30.04.2019

Hilfe für den Wiederaufbau von Notre Dame

"Nicht als Besserwisser auftreten"

Von 1999 bis 2012 war Barbara Schock-Werner Kölner Dombaumeisterin. Die 71-Jährige soll im Auftrag von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) die deutschen Hilfen zum Wiederaufbau der Pariser Kathedrale Notre-Dame koordinieren. Im Interview berichtet Schock-Werner von ihren Erwartungen an die Restaurierung des Gotteshauses. 

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Die ehemalige Dombaumeisterin in Köln, Barbara Schock-Werner, soll jetzt die deutsche Hilfe für den Wiederaufbau von Notre Dame koordinieren. Foto: kna


Frau Schock-Werner, wie haben Sie von dem Brand in Notre-Dame erfahren?
Ich saß vor dem Fernseher und habe Abendnachrichten geguckt. Ich habe auch gesehen, wie der Vierungsturm umknickte. Das waren schlimme Bilder.


Kann man schon sagen, welche Schäden konkret bestehen?
Das dauert. Man muss sehen: Was halten die Gewölbe und was halten sie nicht? Da kann man nicht einmal rütteln und sagen "Hält noch". Man muss die Gewölbe vermessen, inwieweit sie verschoben sind. Der Lehrstuhl für Bauaufnahme der Universität Bamberg hat mit Laseraufnahme und Scans sehr viel Erfahrung, da könnten deutsche Experten helfen.


Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat Sie mit der Koordination der deutschen Hilfen beauftragt. Wie kam das?
Frau Grütters hat sich mit Bundeskanzlerin Angela Merkel kurzgeschlossen, weil sie eine Kontakt- und Koordinierungsperson brauchte. Da sind sie auf mich gekommen. Der Besuch der Ministerin bei ihrem französischen Kollegen Franck Riester war schon lange verabredet. Durch den Brand hat er natürlich eine andere Dimension bekommen. So wurde ich gebeten - als Teil der Delegation - mit nach Paris zu fahren. Derzeit wird versucht, dass bei dem Gespräch der General Jean-Louis Georgelin dazu kommt, der auf französischer Seite die Kontakt- und Koordinierungsperson ist. Wir versuchen herauszufinden, inwieweit die französische Seite an Hilfe interessiert ist. Wir wollen ja nicht als Besserwisser auftreten, sondern schauen, was sie brauchen können. Ich würde mich über eine Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich freuen.


Was ist Ihre Aufgabe als Koordinatorin?
Meine Aufgabe wird es sein, ein Konzept zu erstellen, das aufzeigt, welche Hilfen wir bieten könnten. Ich bin im Kontakt mit der deutschen Bauindustrie, es geht um große Baukräne. Es braucht ja ein Notdach über der Kirche, und zwar eines, unter dem man arbeiten kann. Da braucht man Unmengen von Gerüstmaterial, Folien und mehr. Da könnte Deutschland einspringen. Wenn es wieder einen Holzdachstuhl gibt, stellt sich die Frage, ob sie deutsche Eichen brauchen oder nicht. Solche Dinge werde ich erst nach dem Besuch wissen.


Haben sich schon viele Menschen bei Ihnen gemeldet, die helfen wollen?
Ja, eine ganze Menge. Die sammeln wir jetzt. Im Moment braucht man noch keine Steinmetze oder Dachdecker. Zuerst geht es an die Schadensaufnahme, bis es an den Wiederaufbau geht. Das ist ein Riesenschaden und muss erst einmal von Frankreich organisiert werden. Wichtig ist, dass Deutschland auch von höchster Stelle sagt, dass wir bereit sind zu helfen.


Auf welchen Gebieten hat Deutschland mehr Erfahrung als Frankreich und kann helfen?
Die französischen Kollegen sind gut. Aber die größten Baukräne überhaupt werden von einer deutschen Firma gebaut und geliefert. Da bin ich mit der Bauindustrie in Kontakt, ob die in der Lage wären, für diese Aufgabe etwa einen Portalkran zu konstruieren.


Halten Sie den von Macron angekündigten Wiederaufbau in fünf Jahren für realistisch?
Macron will ja alle Denkmalschutzgesetze außer Kraft setzen. Das halte ich für problematisch. Wenn es mit gründlichen Voruntersuchungen geschehen soll, ist es ein sehr sportlicher Termin.


as würden Sie persönlich sich für den Wiederaufbau von Notre-Dame wünschen?
Dass es gründlich gemacht wird und dass es ein europäisches Projekt gibt. Denn es ist ja nicht mit einem neuen Dachstuhl getan, die brauchen auch neue Elektrik und neue Beleuchtung. Ich stehe bereit und kann bei Bedarf jemanden aus dem deutschen Gebiet suchen.

kna