16.07.2020

Die fünf Kirchengebote

Hilfe oder Gängelung?

Die traditionellen Kirchengebote haben einen schlechten Ruf. Sie wollen die Gläubigen auf Linie bringen und engen die persönliche Gewissenfreiheit ein, lautet ein Vorwurf. Vielleicht kann man sie aber auch anders lesen. Hilfreicher.

Einmal im Jahr zur Beichte gehen: Auch das gehört zu den Kirchengeboten.
Einmal im Jahr zur Beichte gehen: Auch das gehört zu den Kirchengeboten.

Immer wieder erreichen uns Anfragen von Leserinnen und Lesern, ob die traditionellen Kirchengebote eigentlich noch gültig sind. Und ob sie verbindlich sind oder eher empfehlenden Charakter haben. Je nach eigenem Hintergrund schwingt der Vorwurf der zunehmenden Laxheit im Glauben mit. Oder die Forderung, dass alte Zöpfe endlich abgeschnitten gehören.

Grundsätzlich gilt: 1. Alle Fassungen der Kirchengebote sprechen von „Verpflichtung“. 2. Keine Fassung spricht ausdrücklich von Sünde, wenn man ihnen nicht folgt, oder droht Strafe an. 3. Alle Fassungen wollen die Gebote als Ermutigung verstehen. Im Gotteslob heißt es, sie wollen „das Wachstum der Gottes- und Nächstenliebe fördern“; laut Katechismus wollen sie „das unerlässliche Minimum an Gebetsgeist und an sittlichem Streben im Wachstum der Liebe zu Gott und zum Nächsten sichern“. Lesen wir also die Kirchengebote als Hilfestellung.

1. Am Sonntag und an den anderen gebotenen Feiertagen sollst du die Heilige Messe mitfeiern und keine Arbeiten und Tätigkeiten verrichten, welche die Heiligung dieser Tage gefährden!

Bekanntlich schätzt man ja nur wenige Dinge, zu denen man gezwungen wird. Andererseits sagt ein Sprichwort, dass schon so mancher zu seinem Glück gezwungen werden musste. Kann es also sein, dass diese eine Stunde Auszeit in der Woche tatsächlich ein Glück ist? Diese Zeit, in der nichts zu tun und zu schaffen ist; in der wir nur da sind und sonst nichts; in der wir Arbeit und Sorgen zu Hause lassen können; in der wir Freunde und Bekannte treffen; in der wir den Kopf frei haben für Gott und Gebet; in der wir im besten Fall Zuspruch und Stärkung finden, ein gutes Wort, eine frohe Botschaft. Vielleicht haben das einige in der Corona-Zeit vermisst, als wir nicht durften, wozu sich sonst mancher gezwungen fühlte.

Übrigens hat dieses Gebot noch einen zweiten Teil: der Verzicht auf Arbeit und Tätigkeiten, die die Heiligung der Sonn- und Feiertage gefährden. Was mögen das für Tätigkeiten sein? Am Schreibtisch sitzen? Die Waschmaschine füllen? Unkraut jäten? Die Küche streichen? Oder vielleicht eher das: über nichtgejätete Beete meckern; sich von der Gattin bedienen lassen; die Kinder anmotzen; nörgeln, weil die Küche nicht gestrichen ist.

2. Empfange wenigstens einmal im Jahr das Sakrament der Versöhnung zur Vergebung deiner Sünden!

Beichte: heikles Thema, zumal, wenn sie erzwungen ist. Aber trotzdem: Was spricht dagegen, sich zumindest einmal im Jahr mit sich selbst auseinanderzusetzen? Mit den eigenen Fehlern, Schwächen und, ja, Sünden. Mit Lügen und Gemeinheiten, mit Versäumnissen und Lieblosigkeiten, mit Neid und Gier.

Vielleicht ist das das Beste an der Beichte: die Vorbereitung darauf. Das ehrliche In-sich-Gehen. Vielleicht bei einem langen Spaziergang, bei einem Besuch in der leeren Kirche, bei einer Auszeit im Kloster. Sich mal Zeit nehmen für das eigene Dunkle, bereuen und versuchen, es besser zu machen mit sich, mit anderen, mit Gott. Keine ganz schlechte Idee, oder?

3. Du sollst wenigstens zur österlichen Zeit sowie in Todesgefahr die heilige Kommunion empfangen!

Dieses Kirchengebot stammt aus einer Zeit, in der sich kaum jemand traute, zur Kommunion zu gehen. Weil man nüchtern sein und frisch gebeichtet haben musste. Heute ist das anders. Wer die Sonntagsmesse besucht, geht in aller Regel zur Kommunion. Ob auch wiederverheiratet Geschiedene es dürfen, darum wird gestritten. Und die Krankenkommunion ist sowieso für viele eine Kraft. Gebot erfüllt.

4. Halte die von der Kirche gebotenen Fast- und Abstinenztage!

Es gibt Tage, da wird getafelt, was das Zeug hält. Ostern zum Beispiel. Oder das Hochzeitsmahl. Haben Sie das je für eine erzwungene Verpflichtung gehalten? Es gibt andere Tage, die sind traurig gestimmt. Der Todestag eines lieben Menschen zum Beispiel oder der Todestag Jesu. Kein Wunder, wenn einem an solchen Tagen der Appetit vergeht. Und es ist gut, dass man das Besondere dieses Tages auch körperlich spürt. Durch wenig oder einfaches Essen zum Beispiel. Oder durch den Verzicht aufs gepflegte Bierchen. Um Fisch oder Fleisch geht es hier nicht, sondern um karges Leben an traurigen (Kar-)Tagen.

5. Steh der Kirche in ihren Erfordernissen bei!

Damit ist zunächst Geld gemeint, in Deutschland besonders die Kirchensteuer. Oder (für Steuerbefreite) das Kirchgeld. Oder Spenden. Gemäß den eigenen finanziellen Möglichkeiten zu helfen, das ist Pflicht. Allerdings ist diese Formulierung des Gebots auffallend offen. Die Erfordernisse sind ja nicht nur finanzieller, sondern auch personeller Art. Sich ein bisschen in der Gemeinde einzubringen, mitzumachen, Dienste zu übernehmen: Auch das ist eine Variante, dieses Kirchengebot zu erfüllen.

Susanne Haverkamp