11.07.2020

Gebetsschule Teil 25: Gebetsblockaden

Gott, wo bist du?

Die wenigsten Menschen sprechen gerne darüber. Trotzdem ist Pfarrer Sören Bein aus Sülze überzeugt, dass fast jeder Christ Phasen kennt, in denen das Gebet wie blockiert erscheint. Was hilft in so einer Situation?

Ein Mann sitzt allein in einer Kirchenbank.
Manchmal ist das Gebet zu Gott wie blockiert - aber "die Worte werden wiederkommen", sagt Pfarrer Sören Bein. 

Ja, es gibt diese Zeiten, in denen Glaubenszweifel das Zwiegespräch mit Gott verstellen. „Sogar Menschen, die ein reiches Gebetsleben haben, erleben, wie aus ihrem Versuch, mit Gott in Verbindung zu treten, plötzlich ein gescheitertes, unerfülltes, mageres Gebet wird“, berichtet Sören Bein. Der evangelische Seelsorger betreut nördlich von Celle fünf kleine Ortschaften. Auch er selbst bleibe von gelegentlichen Gebetsblockaden nicht verschont, gesteht der 51-jährige Niedersachse. „Es gibt Tage, da fühlt es sich an, als spräche man mit der Zimmerdecke. Das Gefühl von Kommunikation stellt sich einfach nicht ein.“ Doch glücklicherweise hielten solche Phasen bei ihm nie lange an. „Das kann schon am nächsten Tag ganz anders sein.“

In dem Buch „Sprung in den Brunnen“ des katholischen Theologen Hubertus Halbfas fand Bein ein probates Mittel gegen die geistliche Sprachlosigkeit. Seit einiger Zeit stellt er sich dann mit einem tiefen Seufzen vor Gott. „Das ist alles.“ Auf YouTube hat der Geistliche über seinen Umgang mit Gebetsblockaden ein Video veröffentlicht. Für Schwierigkeiten im Gebetsleben hat der Seelsorger verschiedene Ursachen ausgemacht. „Das könnte jetzt eine längere Liste werden“, sagt Bein und schmunzelt. Da sei zum einen die Unlust. „Weil andere Sachen plötzlich reizvoller sind.“ Oder die Liste der Menschen, für die man abends beten will, zu lang erscheint. In einem geistlichen Workshop bekam er mal die Empfehlung, in solchen Zeiten nur die Namen der Menschen kurz auszusprechen. „Gott weiß ja doch, was ich beten will“, sagt der Pastor. Auch Euphorie hat der Pfarrer als möglichen Gebetskiller ausgemacht. Wenn Menschen von einem Erfolg zum nächsten eilten, dann „wird das Bedürfnis zu beten geringer“.

Sogar Fluchen ist erlaubt 

Doch auch das Gegenteil von Glück und Erfolg, nämlich Enttäuschung und Erschöpfung, können ein Grund dafür sein, warum das Gebet ins Stocken gerät. Etwa wenn bei einer langen Krankheit die ersehnte Heilung ausbleibt. Wolfgang Niedecken, der Sänger der Rockband BAP, hat darüber mal das Lied „Wenn et Bedde sich lohne dääd“ geschrieben. Genau hierin liegt die Krux. Wenn beten nur bitten ist, wird es unweigerlich Enttäuschungen geben. Die heilige Teresa von Ávila empfahl ihren Mitschwestern, sich gerade in schwierigen Phasen barfuß, also ohne vorformulierte Gebete, sondern mit allem, was gerade da ist, an Gott zu wenden. Auch mit Schmerzen, Klagen und Zweifeln. Sogar Fluchen sei dann erlaubt, meint Bein.

Die vielleicht größte Hürde für ein erfülltes spirituelles Leben aber scheint die Disziplinlosigkeit zu sein. „Disziplin ist das A und O beim Gebet“, sagt Pfarrer Bein. „Erfahrungen stellen sich erst ein, wenn ich geistlichen Übungen im Alltag einen regelmäßigen Raum gebe. Wenn ich das nicht tue, sehe ich kein oder zumindest weniger Wachstum.“ Vom Wert regelmäßiger Übung haben bereits die urchristlichen Mönchs- und Wüstenväter berichtet.

Trotz bester Glaubenspraxis, so berichten Beter aus allen Zeiten, kann sich ein Gefühl der Gottesferne einstellen. Auch Bein kennt solche plötzlichen Glaubenszweifel: „Es kann sein, dass es mich mitten in der Predigtvorbereitung wie ein Blitz überfällt. Ein kalter Schauer. Was ist, wenn du dir alles nur einbildest, der Glaube nur eine Illusion ist?“ Und ist sich zugleich sicher, dass „jeder, der ernsthaft auf dem Glaubensweg unterwegs ist“, diese Angst und Unsicherheit kenne. Der Schriftsteller Jean Paul hat dazu mit seiner „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“ mal einen kurzen, wuchtigen Text verfasst. 

Auf die Frage, wie er mit solchen Glaubenszweifeln und Gebetsblockaden umgehe, ist Bein bei seinem Seufzen. Gerade in Zeiten schwerer Schicksalsschläge oder gefühlter Gottesferne empfiehlt er, sich einfach nur mit einem lauten „Ach“ oder „O weh“ vor Gott zu stellen. „Und dann den Mut haben, dieses ‚Ach‘ schon als Gebet zu akzeptieren. Und in dieser Phase damit zufrieden sein. Worte werden wiederkommen“, ist sich Bein sicher. 

Andreas Kaiser