27.05.2020

Interview mit dem Bischof Georg Bätzing

"Hören, hören, hören"

In der Apostelgeschichte verstehen alle Menschen die Predigt der Apostel. Heute reden in der Kirche viele aneinander vorbei oder gar nicht miteinander. Wie kann man Vielfalt zusammenhalten? Fragen an Bischof Georg Bätzing.

Foto: kna/Harald Oppitz
Es braucht die Hilfe Gottes, um die Einheit wiederherzustellen, die wir Menschen aufs Spiel gesetzt haben, sagt der Limburger Bischof Georg Bätzing. Foto: kna/Harald Oppitz


Bischof Bätzing, Ihr Wahlspruch lautet: „Führe zusammen“. Ist das für Sie Programm?
Mein Wahlspruch ist für mich vielmehr ein Gebet als ein Programm. Er ist einem kleinen Gebet aus der Trierer Tradition zur Verehrung des Heiligen Rocks entnommen, das mit der Bitte schließt „und führe zusammen, was getrennt ist“. Es ist sozusagen ein Stoßgebet um die Einheit aller, die zu Christus gehören, auch über die Grenzen der Konfessionen hinweg. Das ist für mich ein großes persönliches Anliegen. Mit all unseren Bemühungen allein werden wir diese Einheit nicht machen können. Es braucht die Hilfe Gottes, sein Eingreifen, damit die Einheit wieder geschenkt wird, die wir Menschen aufs Spiel gesetzt haben.

Gibt es Situationen, in denen Ihnen dieses Stoßgebet auf der Zunge liegt?
Solche Situationen gibt es öfter: dass ich bete, „Herr, führ zusammen“ oder „Herr, halte zusammen“. Wir leben auch in der Kirche in einer Zeit, in der die Polaritäten zunehmen. Unsere Zeit ist stark durch Freiheit und Individualität geprägt. Das sind großartige Werte. Aber sie führen auch dazu, dass Prozesse der Vergemeinschaftung mühsamer geworden sind. Bei Konflikten und heftigen Diskussionen ist mir dieses Gebet eine Hilfe, indem ich sage: „Ja, wir tun das Unsere, aber es ist deine Kirche. Die Kirche ist dein Wille, du musst sie auch zusammenhalten, Herr.“

Ihr Dienst als Bischof ist ein Dienst an der Einheit. Wie geht das: zusammenführen? 
Hören, hören, hören. Wir müssen einander zuhören, um zu verstehen. Im Bistum Limburg gibt es eine eingeübte synodale Struktur dafür. Ich arbeite mit dem Diözesansynodalrat zusammen, der in Entscheidungsprozesse eingebunden ist. Bevor ich meine Überzeugung ins Spiel bringe, ist es gut, Einzelne oder Gruppen zu hören. Auch vielleicht noch ein zweites Mal zuzuhören, bevor man eine Entscheidung herbeiführt. Das ist eine Frage von erheblicher Disziplin und Übung. Heute wird ja gerade durch die medial vermittelte Wirklichkeit viel mehr nach Statements gefragt. Du musst sofort eine Meinung haben, eine Entscheidung treffen. Das ist eine große Gefährdung für unseren Weg als Kirche. 

Die Einheit zu fördern, ist also ein moderierender Prozess?
Es ist vor allem ein kommunikativer Prozess. Diejenigen, die Verantwortung haben, müssen auch ihre Positionen deutlich machen. Das ist klar. Als Bischof diene ich dem Gottesvolk dadurch, dass ich dafür sorge, dass wir miteinander reden, aber – und da kommt Gott ins Spiel – auch miteinander beten und geistliche Erfahrungen machen, etwa durch die intensive Beschäftigung mit der Heiligen Schrift, durch Zeiten der Stille und durch Gottesdienste. Das ist eine Stärke meines Amtes, dass ich alle diese Elemente einbringen kann. 

„Jeder hörte sie in seiner Sprache reden“, heißt es in der Apostelgeschichte. Welche Sprache muss man finden, damit Menschen heute die Botschaft verstehen?
Was die Apostelgeschichte beschreibt, würde ich heute unter dem Begriff „Inkulturation“ fassen. Die Sprache ist Ausdruck der Kultur. Wir leben in einer Kultur der Freiheit, der Individualität, der Pluralität, der Geschlechtergerechtigkeit. Wie kann es uns gelingen, die Botschaft des Evangeliums und den Auftrag der Kirche in diese Kultur hineinzusagen und umgekehrt auch unsere Botschaft davon prägen zu lassen? Das ist übrigens die Aufgabe, die wir uns für den Synodalen Weg vorgenommen haben. 

Haben wir die Sprache der heutigen Kulturen verlernt und uns ängstlich wie die Jünger vor Pfingsten ins Obergemach zurückgezogen?
Das kann gut sein. Ich denke in diesen Tagen oft darüber nach, was die Botschaft der leeren Kirchen ist, die uns Corona gebracht hat – auch jetzt, wo es nur einer kleinen Gruppe von Menschen möglich ist, gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Das ist ein Bild, das dem pfingstlichen sehr nahe kommt: Eine ängstliche, kleine Gruppe der Jüngerinnen und Jünger sitzt drinnen hinter verschlossenen Türen. Aber der Herr ist niemand, der sich in geschlossenen Räumen aufhält, sondern der immer unter den Menschen ist. Da gehört die Kirche hin! Wir wollen hier im Bistum Limburg nicht mehr fragen, was denn aus uns wird. Wir wollen fragen: Für wen sind wir da, mit wem können wir Prozesse gestalten, die das Leben menschenwürdig und gottwürdig machen? So sollten wir uns als Kirche verstehen.

In den Pfingsttexten finden sich andere Bilder: die vielen Gnadengaben, verschiedene Dienste und Kräfte, der Leib mit seinen unterschiedlichen Gliedern. Wie bunt und vielfältig darf das Ganze eigentlich sein? 
Im Grunde ist der Bestand der Einheit klar beschrieben durch das Glaubensbekenntnis, durch die Tradition und die Lehre der Kirche und durch das personale Amt. Das sind die Grundpfeiler der Einheit. Von daher ist für mich Einheit zuletzt ein personales Prinzip. So kann man mit einer bunten Vielfalt umgehen und leben. Das macht doch das Katholische aus: Wir sind keine verschworene kleine Sekte, in der alle dasselbe glauben und tun. Genau das wäre nicht katholisch, und ich glaube auch nicht im Sinne des Herrn und seines Geistes.

Dieses personale Prinzip betont ja auch der Papst, etwa bei der Familiensynode, als er die Kardinäle und Bischöfe aufgerufen hat, munter zu diskutieren. Er als Papst würde schon für die Einheit sorgen. Das heißt, mit Gelassenheit und Mut darf man bunte Vielfalt wagen?
Diese Haltung von Gelassenheit, Mut und Vertrauen auf den, der uns vor Spaltungen bewahrt und in die Zukunft führt, prägt mich stark. Mit dieser Haltung gehe ich positiv in die Prozesse hinein, die in der deutschen Kirche und auch in unserem Bistum im Moment laufen. Wir sind darin nicht sehr geübt, das merkt der Papst ja auch. Die synodale Kirche ist etwas Neues, das wir langsam erst einüben müssen, sowohl mit der Offenheit des Wortes, das wir einander zumuten, wie auch mit der Demut, die Meinung des anderen stehen zu lassen oder ihr zum Recht zu verhelfen. Das sind Übungen, die wir mit Sicherheit noch lange anstellen müssen, bis dieses pfingstliche Prinzip ein verwandelndes Gestaltungsprinzip unserer Kirche ist.

Interview: Ulrich Waschki