15.07.2022

Ottmar Edenhofer über die Klimakrise

„Eine gewaltige Aufgabe“

Europa spürt gerade, dass die Auswirkungen der Erderhitzung schlimmer werden. Weltweit tut die Politik viel zu wenig gegen das Problem. Klimaökonom Ottmar Edenhofer sagt, was sich ändern muss – und wie die Energiewende in Deutschland in Zeiten der Inflation sozialverträglich gelingen kann.

Ottmar Edenhofer
Er kritisiert die Politiker: Klimaökonom Ottmar Edenhofer

Herr Edenhofer, wir erleben derzeit Waldbrände, Dürren, Hitzewellen, Überschwemmungen, ausfallende Ernten. Ist das Klima und somit auch die Tier-, Pflanzen- und Menschenwelt überhaupt noch zu retten?

Wir können den Klimawandel nicht mehr aufhalten. Aber wir können ihn begrenzen – jedoch nur, wenn es uns gelingt, die Kohlenstoff-Emissionen herunterzufahren. Solange dies nicht der Fall ist, werden Extremwetter-Ereignisse immer häufiger vorkommen oder an Intensität zunehmen.

Was müsste sofort passieren, um die Erderwärmung zumindest noch abzumildern?

Wir müssen den CO2-Ausstoß bis Mitte des Jahrhunderts auf netto Null herunterdrücken. Und zwar weltweit. Das ist eine gewaltige Aufgabe. Wir haben uns daher in der EU zu Recht die Aufgabe gestellt, bis 2050 klimaneutral zu werden. Das ist die Zielmarke. Die Atmosphäre lässt sich am besten mit einer Badewanne vergleichen, die einen Zulauf, aber keinen Ablauf hat. Irgendwann ist sie voll. Damit sie nicht überläuft, muss der CO2-Hahn so rasch wie möglich abgedreht werden.

Aber im Moment passiert das Gegenteil. Wir erleben, bedingt durch den Ukraine-Krieg, ein Comeback der fossilen Brennstoffe, etwa der Kohle.

Wir erleben kein Comeback, denn wir waren nie weg von den fossilen Energieträgern. Das war lediglich eine Illusion, der wir uns in Europa mitunter gerne hingegeben haben. Die Regierungen haben nicht nur zu wenig getan, um den Klimawandel zu begrenzen, sie haben auch ihre Versprechen nicht eingehalten.

2020 haben die jährlichen CO2-Emissionen sogar einen Höchststand erreicht.

Und nun sehen wir, dass vor allem in Asien der Ausbau der Kohlekraftwerke mit großer Wucht weiter vorangetrieben wird. Durch die stark gestiegenen Gaspreise hat dort niemand mehr Interesse daran, aus teurem Gas Strom zu erzeugen, sondern tut dies lieber mit der im Vergleich preiswerteren Kohle. Doch schon allein die Kohlekraftwerke, die schon heute weltweit in Betrieb sind, reichen aus, um das noch verbleibende CO2-Budget zu einer Begrenzung der Erderhitzung um 1,5 Grad aufzubrauchen.

Sie waren Gast auf dem G7-Gipfel. Was haben Sie den Regierungschefs geraten?

Ich habe dargestellt, welche Ziele wir allen Widrigkeiten zum Trotz unbedingt erreichen müssen, und darüber gesprochen, dass wir in Kriegszeiten kein knappes Gas mehr zur Stromproduktion verbrennen sollten. Leider ist das etwa in Deutschland immer noch der Fall. Wichtig ist, dass eine vorübergehende verstärkte Nutzung der Kohle keinesfalls zu einem dauerhaften Rückfall führen darf. Die Industrienationen müssen an ihren Klimazielen festhalten.

Hat uns der Ukraine-Krieg zurückgeworfen oder ist er sogar ein Booster für den Umstieg auf die Erneuerbaren Energien?

Das ist noch nicht entschieden. Bisher haben wir über den Klimawandel in einer Welt nachgedacht, in der der Multinationalismus weitgehend funktioniert hat. Jetzt befinden wir uns in einem Systemwettbewerb – zwischen Autokratien und Demokratien. Das stellt uns vor neue Herausforderungen, weil die Autokratien nicht nur über Öl und Gas verfügen, sondern auch über notwendige Rohstoffe für die Energiewende. Und das setzt Putin jetzt ein, um die Demokratien unter Druck zu setzen.

Wie können wir uns darauf einstellen?

Wir dürfen auf keinen Fall naiv in den nächsten Winter gehen. Es gilt jetzt, sowohl Gasvorräte aufzufüllen als auch Einsparpotentiale auszuschöpfen. Wenn in Privathaushalten jetzt schon Energie gespart wird, dann hilft dies am Ende allen. Auch der Industrie, die für uns unverzichtbar ist – von der Glasproduktion bis zur Babymilch.

Die größte Energiequelle ist Energiesparen, sagen Experten. Das heißt übersetzt, eigentlich müssen die Preise für klimaschädliche Energien hoch sein. Doch die Bundesregierung hat einen Tankrabatt erlassen und Geld auch an Menschen verschenkt, die es nicht brauchen. Was halten Sie davon?

Der Tankrabatt ist ein wirtschafts- und energiepolitischer Sündenfall. Die Regierung hat versucht, das Feuer steigender Preise mit Benzin zu löschen. Im Lichte des Ukraine-Kriegs betrachtet ist der Tankrabatt noch eine lässliche Sünde. Ein Preisdeckel für Gas, wie aktuell diskutiert, wäre dagegen eine politische Todsünde – der Anreiz zur Einsparung von Gas wäre dann zu gering.

Spätestens im Herbst, wenn die Betriebskostennachzahlungen kommen, werden wir sehen, dass sich Teile der Gesellschaft eine warme Wohnung oder Dusche nicht mehr leisten können. Welche Entlastungen sind nötig?

Natürlich müssen die Verbraucher vor Einkommensverlusten so gut wie möglich geschützt werden, vor allem die einkommensschwachen Haushalte müssen eine Kompensation erhalten. Bei einer Verdoppelung der Energiepreise insgesamt können für die ärmsten Haushalte durchschnittliche Mehrkosten in einer Größenordnung von etwa 700 bis 1000 Euro anfallen. Bei den Gaspreisen scheint jetzt sogar eine Verdrei- oder Vervierfachung möglich. Diese Mehrausgaben sollten so rasch wie möglich durch Transferleistungen ausgeglichen werden – zum Beispiel über die Familien- oder die Krankenkassen.

Aber wie ließe sich sicherstellen, dass vor allem die Menschen entlastet werden, die wegen der hohen Energiekosten existenzielle Probleme bekommen?

Man könnte sehr schnell an jeden Bundesbürger eine Pro-Kopf-Zahlung ausschütten. Haushalte oberhalb einer bestimmten Einkommensgrenze müssten diesen Pauschalbetrag wieder zurückzahlen, unbürokratisch über ihre Einkommenssteuererklärung. 

Sozialminister Heil will das Klimageld lieber gleich sozial staffeln. Die FDP ist dagegen. Was ist Ihre Position?

Klar kann man darüber reden, das Energiegeld, das der Staat zuvor auch aus der Besteuerung fossiler Brennstoffe eingenommen hat, einkommensbezogen zu staffeln. Aber das ist ein riesiger administrativer Aufwand und eine für alle gleiche Pro-Kopf-Pauschale entlastet die einkommensschwächsten Haushalte proportional am stärksten. Letztlich sind das nur Detailfragen. Wenn sich die Politik nicht schnell auf konkrete Maßnahmen verständigt, steht bald der soziale Zusammenhalt der Gesellschaft infrage.

Wie groß ist der soziale Sprengstoff hoher Energiepreise?

Ich halte das Verwerfungspotential für sehr groß. Wenn die Ärmeren im Winter erleben, dass sie sich eine warme Wohnung nicht mehr leisten können, wird dies auch ihre Zustimmung zur Energiewende und zur Klimapolitik untergraben. 

Was halten Sie in diesem Zusammenhang von dem Nein der Regierung zum Weiterbetrieb der Atomkraftwerke und dem Nein zum Fracking-Gas?

Ich sehe kein großes Einsparpotential in dem Weiterbetrieb der Atomkraftwerke. Die Verlängerung der Laufzeiten würde uns vielleicht 30 bis 40 Terrawattstunden Einsparung beim Gasverbrauch bringen, das sind etwa drei bis vier Prozent des Gasverbrauchs – pessimistischere Schätzungen gehen von nur einem Prozent aus. Bevor wir unsere Kraft damit verschleudern, eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke zu diskutieren, sollten wir besser darüber reden, wie wir die Menschen entlasten können. Das ist viel wichtiger. Auch Fracking ist kurzfristig keine Lösung. Wir müssen jetzt rasch die Terminals für Flüssiggas ausbauen. 

Sie haben früher oft Ihrer Hoffnung Ausdruck verliehen, dass es in der Klimapolitik zu einer Allianz der großen Industrienationen kommen könnte. Doch inzwischen torpediert der Supreme Court die US-Klimapolitik und China baut weiter Kohlekraftwerke. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Die internationale Klimapolitik ist leider sehr viel schwieriger geworden. Kooperation herzustellen, ist noch immer sinnvoll. Wichtiger wäre es jedoch, dass die EU beginnt, zum Beispiel in Zusammenarbeit mit den Entwicklungsbanken Kohlekraftwerke in kleineren asiatischen Ländern aufzukaufen und stillzulegen – und diese Länder mit zinsgünstigen Krediten beim Ausbau der Erneuerbaren zu unterstützen. Zudem wäre es ratsam, auf EU-Ebene einen einheitlichen Gas- und Öleinkauf zu organisieren, um damit den Ausstieg aus den fossilen Energien zu beschleunigen.

Was sonst macht Ihnen Hoffnung?

Der Green Deal, also die Ankündigung der EU, die CO2-Emissionen zu senken, hat durch den Ukraine-Krieg eine andere Bedeutung gewonnen. Der Ausstieg aus den fossilen Energien ist nicht mehr nur klimapolitisch, sondern auch geopolitisch bedeutsam. Die EU ist für mich ein Hoffnungsanker. Sie zeigt im Krieg, dass man sich trotz aller Unterschiede und Verwerfungen zusammenraufen kann. Und sie hält sogar in der Krise an ihren klimapolitischen Zielen fest.

Interview: Andreas Kaiser