31.12.2020

Abt spricht über Glaubwürdigkeit der Kirche

"Die Zukunft liegt im Sozialen"

In seinem Buch "Was sucht ihr?" beschäftigt sich der Benediktiner Johannes Eckert mit den Fragen Jesu im Johannes-Evangelium. Im Interview spricht er darüber, warum in der Kirche das Fragen wichtig ist, Geistliche nicht immer Antworten haben müssen und wie die Kirche Glaubwürdigkeit zurückgewinnen könnte.

Der Benediktiner-Abt Johannes Eckert aus dem bayerischen Kloster Andechs.
Johannes Eckert ist Benediktiner und Abt von Sankt Bonifaz München und Kloster Andechs. 

Abt Johannes, wer im Internet wissen will, was 2021 bringt, erhält vor allem Links zu Horoskopen. Ist das phänotypisch, dass die Antworten bei den Astrologen gesucht werden?

In Buchhandlungen finden sich ja auch die theologischen Werke gleich neben jenen zu Spiritualität und Esoterik. Die einen schimpfen darüber; ich sehe darin eher eine Chance, Menschen zu erreichen, die auf der Suche sind. Viele Menschen suchen heute Innerlichkeit. Bei dieser Suchbewegung sind wir beim Johannes-Evangelium. Der Evangelist oder die Redaktion, die dahinter steht, wollen erschließen, dass in diesem Jesus von Nazareth wirklich Gottes Sohn zur Welt gekommen ist. Deshalb gibt es so Sätze wie "Wer mich sieht, sieht den Vater", also dass man an Jesus ablesen kann, wie Gott ist.

Im "Sesamstraße"-Lied heißt es "Wer nicht fragt, bleibt dumm". Gilt das auch für den christlichen Glauben?

Das Fragen und der Umgang damit muss in der Kirche wieder gelernt werden. Gerade wir Geistlichen sind es gewohnt, immer nur Antworten zu geben. Aber in der geistlichen Begleitung geht es darum, zuzuhören und echte Fragen zu stellen. Solche, die einen selbst beschäftigen, und solche, die dem anderen weiterhelfen. Die ersten Worte, die Jesus an die Menschen richtet, lauten: Was sucht ihr? Das ist die Lebensfrage. Sie taucht wieder am leeren Grab Jesu auf. An einer Dogmatik kann man sich orientieren, aber sie darf nicht dazu führen, dass keine Fragen mehr gestellt werden. Gott ist Frage und nicht gleich Antwort, wie der Schweizer Theologe Kurt Marti sagt.

Sie reflektieren elf von Jesus gestellte Fragen. Welche hat Sie am stärksten bewegt?

Die Frage Jesu, die er an Pontius Pilatus richtet, nämlich: "Sagst Du das von Dir aus oder haben es andere über mich gesagt.

Warum?

Was ich über Jesus erfahren habe, wurde mir von den Eltern, in der Pfarrgemeinde, im Theologiestudium vermittelt. Aber was ist er für mich? Wäre ich in einem anderen Kulturkreis geboren, würde ich vielleicht zu dem Ergebnis kommen, Jesus war ein besonderer Mensch wie Mahatma Gandhi oder Martin Luther King. Ich bin dankbar, ein positives, angstfreies und vertrauensvolles Jesus-Bild vermittelt bekommen zu haben. Aber ich bin vorsichtig geworden. Natürlich hoffe ich, dass er für mich der Sohn Gottes und Erlöser ist, der mich mal hineinnimmt in die große Liebe und dann die letzte Frage stellt: Liebst Du mich? Aber Fragen an ihn bleiben.

Ein Pandemiejahr liegt hinter uns. Auch sonst passieren Katastrophen und Leid. Selbst ein gläubiger Mensch fragt sich: Wie kann Gott das zulassen?

Auf die Frage nach dem Warum werden wir keine Antwort finden. Diese bleibt Gott uns schuldig. Doch im Angesicht meines Todes erwarte auch ich von ihm eine Antwort auf das Leid. Im Blick auf Jesus von Nazareth kann ich sagen, er teilt das Leid bis in die Nacht des Todes mit uns. Ich kann versuchen, das Warum in ein Wozu zu wenden. Das ist jedoch ein langer Prozess. Mich erstaunen immer wieder Menschen, die dies können und sagen, durch die Einschränkungen ihrer Krankheit sei ihr Leben intensiver geworden. Aber warum Gott Leid zulässt, darauf habe ich keine Antwort.

Das muss man zugeben können ...

... und aushalten. Durch die Heilige Schrift zieht sich die Erfahrung von Nacht, wo nicht der Mensch Gott verlassen hat, sondern wo der Mensch sich von Gott verlassen fühlt. Da geht es um die Gottesfrage ganz konkret.

Die katholische Kirche ist in große Turbulenzen geraten. Grund ist der Missbrauchsskandal und seine Folgen. Viele wenden sich ab. Die Jesus-Frage "Wollt auch ihr weggehen?" wird heute von Tausenden mit Kirchenaustritt beantwortet. Wie sehen Sie dies?

Die von Jesus gestellte Frage sollten wir nicht auf die Kirche übertragen. Wenn heute jemand aus der Kirche austritt, muss es nicht geschehen, weil ihm Jesus fremd geworden ist, sondern die Institution. Wer als kritischer Geist oder gar als Opfer zu dem Schluss kommt, das hat doch mit Jesus von Nazareth nichts zu tun, damit möchte ich nichts zu tun haben, hat recht - vielleicht nicht unbedingt, was den Austritt betrifft. Menschen in dieser Kirche, die Verantwortung tragen, haben sich durch ihr Verhalten von Jesus wegbewegt. Deshalb braucht es eine Umkehr.

Und wie?

Abt Johannes: Das Reich Gottes beschränkt sich nicht auf die Kirche. Ich bin immer wieder überrascht, wie selbstverständlich Menschen ihre Hilfe anbieten. Da wird spürbar, dass sie aus dem Geist Jesu handeln. Über unser Engagement in der Obdachlosenarbeit heißt es oft, das sei Christentum. Die Zukunft der Kirche muss im sozialen Bereich liegen. In der Pandemie beschränkt sich Kirche sehr stark auf das Thema Gottesdienste, aber genauso wichtig ist die gelebte Nächstenliebe. Das einzige liturgische Gewand, das Jesus anzieht, ist die Schürze, um den Jüngern die Füße zu waschen. Sie ist die Schutzkleidung, die Menschen etwa auf der Intensivstation anlegen, um andere zu pflegen. Wenn da Kirche erfahrbar wird, dann ist sie glaubwürdig.

Interview: kna/Barbara Just