27.07.2022

... und das, womit man sie füllen kann

Die Schatztruhe Gottes

Die Lesungen dieses Sonntags weisen alle in dieselbe Richtung: Vergesst die vergänglichen Reichtümer dieser Erde und sammelt Schätze für den Himmel. Versuchen wir es also und packen wir etwas hinein in diese ganz besondere Kiste, die in den Augen Gottes zählt. 

Von Susanne Haverkamp

Als unsere Kinder klein waren, gehörte eine Schatzsuche zu jedem Kindergeburtstag. Kreuz und quer durch die Nachbarschaft ging es – und am Ende musste das Schloss, das die Kiste zusätzlich sicherte, auch noch mühselig geknackt werden. Aber immerhin: Die Mühe lohnte – jedenfalls aus Sicht der Kinder. Goldene Schokotaler, essbare Juwelen und funkelnde Murmeln füllten die Schatztruhe bis zum Rand.

Wenn man den Maßstab der Bibel anlegt, waren solche Aktionen pädagogisch natürlich grundfalsch. Jesus warnt im Lukasevangelium sehr eindringlich davor, für sich selbst Schätze zu sammeln. Schon morgen, heißt es, kann dein Leben zu Ende sein und dann zählen nur die Schätze im Himmel. Die Gemeinde in Kolossä wird gemahnt: „Richtet euren Sinn auf das, was oben ist, nicht auf das Irdische!“ Und der Prediger Kohelet verweist auf die Lebenserfahrung, dass Besitz vergänglich ist, sei es durch Unglück, Umstände oder sogar Diebstahl. Was bringt es also, dass der Mensch sich Tag für Tag abrackert?

Die Botschaft dieses Sonntags ist klar: Es ist kurzsichtig, ja sogar dumm, sich auf irdischen Besitz zu verlassen und sich dadurch in Sicherheit zu wiegen. Zustimmen wird dem jeder: Geld bietet nur begrenzte Sicherheit. Auch Superreiche wie etwa der Apple-Gründer Steve Jobs können dem Tod nicht entgehen, wenn sie an einem aggressiven Krebs erkranken. Und sich hinter hohen Mauern zu verbarrikadieren und mit Security zu umgeben, macht die russischen Oligarchen vermutlich auch nicht glücklich.

Schwieriger ist die Antwort auf die Frage: Was denn dann? Was sind die Schätze, die bei Gott zählen? Was sollen wir und was können wir hineinfüllen in die Schatzkiste, die uns auf der letzten Reise begleitet? Und genauso wichtig: Was liegt denn schon drin in meiner persönlichen Schatzkiste des Lebens? Hier einige Anregungen, um einmal ganz für sich selbst darüber nachzudenken:


Diamant 1: Schenken

Haben Sie schon einmal etwas verschenkt komplett ohne die Hoffnung, dafür irgendetwas zurückzubekommen? Noch nicht einmal Dank und Anerkennung? Es müssen ja keine riesigen Gaben sein. Vielleicht haben Sie einfach so einem Obdachlosen Ihr Brötchen weitergegeben, das Sie gerade beim Bäcker gekauft haben, weil Sie selbst Hunger hatten. Oder Sie haben heimlich, still und leise eine Nikolaustüte vor die Tür der Familie in finanzieller Not gestellt. Oder Sie haben beim Einkaufen ein paar Blumen mitgenommen und sie Ihrer einsamen Nachbarin vorbeigebracht. Und vielleicht haben Sie sogar noch eine Stunde Ihrer Zeit und Ihr Ohr dazugeschenkt. 
Kleine Geschenke erhalten nicht nur die Freundschaft. Nein, sie können Diamanten sein, die das Leben von anderen, sogar von Fremden, etwas heller machen. Und ein Schatz für den Himmel.


Diamant 2: Trösten

Viele Menschen bedürfen des Trostes. Nicht unbedingt nur nach einem Schicksalsschlag, sondern einfach, weil das Leben für sie schwer ist. Weil sie einsam sind, angeschlagen, traurig. Vielleicht haben Sie so jemandem schon mal zugehört; sich nicht genervt abzuwenden, ist oft schon Trost genug. 
Vielleicht haben Sie auch einfach nur mal ein Kind getröstet und nach Hause begleitet, das vor Ihren Augen hingefallen ist und sich die Knie aufgeschlagen hat. Oder Sie haben bei einem Unfallopfer ausgeharrt, bis der Krankenwagen kam. Oder Sie haben Kontakt zu Bekannten gehalten, die wirklich von einem Schicksalsschlag getroffen wurden und die bei keiner Aktivität mehr mitmachen wollten. 
Tröstende Nähe und Anteilnahme kann ein Diamant im Leben derer sein, die des Trostes bedürfen. Und ein Schatz für den Himmel.


Diamant 3: Vergeben

Dass Menschen der Vergebung bedürfen, gehört zu den häufigsten Aussagen Jesu. Das Gleichnis vom barmherzigen Vater kennt fast jeder – Gott vergibt uns, ist die Kernaussage und die Hoffnung. Die allerdings verbunden ist mit der Forderung Jesu an jeden Einzelnen: Nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal sollst du vergeben. Gar nicht so leicht fällt das vielen Menschen, ganz besonders den nachtragenden.
Aber vielleicht haben Sie ja auch in diesem Punkt schon Diamanten gesammelt. Kleinere, wenn es um kleinere Dingen ging: Hochzeitstag vergessen, Aufgabe nicht erledigt, ein böses Wort. Vielleicht waren aber auch richtige Brocken dabei: Untreue in der Ehe zum Beispiel, ständige Lieblosigkeit, Erbschaftsstreitigkeiten, Süchte, Gewalt, Betrug. Gerade in der Familie haben Menschen einander manches zu vergeben. Als Lichtblick im Leben und als Schatz für den Himmel.


Diamant 4: Lieben

Wahrscheinlich sind damit die meisten Schätze im Himmel zu sammeln: mit Liebe. Aber Achtung: „Was tust du Besonderes, wenn du die liebst, die dich lieben?“, fragt Jesus seine Jünger. Deshalb ist es natürlich gut, Eltern, Freunde, Ehepartner, Kinder oder Enkel zu lieben. Aber  mehr Schätze sammelt man vielleicht für das, was die Kirche Nächstenliebe nennt: Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit, Anteilnahme gegenüber Menschen, die uns nicht nahestehen, die wir vielleicht noch nicht einmal mögen. „Manche Leute kann man nur im Herrn lieben“, lautet ein alter Spruch. Eine echte Herausforderung.
Durch die Liebe Schätze sammeln, das bezieht sich aber sicher auch auf Gott selbst. Lieben wir ihn? Suchen wir Kontakt zu ihm? Sprechen wir mit ihm? Widmen wir ihm Zeit? Hat er einen Platz in unserem alltäglichen Leben?


Schätze sammeln für den Himmel: Ich glaube, dass die Texte dieses Sonntags keine Drohung sind, so nach dem Motto: Du böser gieriger Mensch hast ganz umsonst deine Taschen gefüllt. Sie sind vielmehr eine Einladung hinzuschauen, welche kleinen Diamanten ich für die Schatzkiste Gottes bereits gesammelt habe. Und eine Motivation, diese Kiste noch weiter zu füllen. Auch in dem Wissen, dass Schätze bei Gott zu sammeln kein lästiges Opfer ist. Denn zu schenken, zu trösten, zu vergeben und zu lieben macht das Leben reicher. Auch – und vielleicht sogar vor allem – das irdische.