17.02.2021

Passionsspiele 2022 in Oberammergau

Der Barterlass gilt wieder

2020 mussten die Oberammergauer Passionsspiele wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden. 2022 sollen sie nachgeholt werden. Ab Aschermittwoch gilt für die Teilnehmer wieder der Haar- und Barterlass. Ob die Spiele kommendes Jahr stattfinden können, ist aber ungewiss. 

Der Spielleiter der Oberammergauer Passionsspiele, Christian Stückl
Können die Passionsspiele 2022 stattfinden? "Es wird schwierig", sagt Spielleiter Christian Stückl. 

Als Christian Stückl am Morgen in Oberammergau zum Bäcker ging, bekam er auf leeren Magen gleich die drängendste Frage gestellt: "Glaubst Du wirklich, dass die Passion 2022 stattfinden wird?" Den Versprechen der Politik gegenüber bleibt der Spielleiter zwar skeptisch, wie er einräumt. Auch wenn Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bis September jedem Bürger ein Impfangebot versprochen habe, werde bis dahin nicht jeder geimpft sein. Realistisch fügt er hinzu: "Wenn wir jetzt loslegen würden, wir könnten gar nichts." Weder Proben mit vielen Leuten wären möglich, noch könnte man die Türen für Besucher öffnen; zudem sei das Reisen noch eingeschränkt.

Dennoch zeigen sich die Oberammergauer, nachdem im März 2020 die 42. Passionsspiele auf 2022 verschoben wurden, optimistisch, dass es klappen wird. Am Aschermittwoch erging wieder der obligatorische Haar- und Barterlass. Manch einer hat die Chance, sich zwischenzeitlich einen ordentlichen Schnitt verpassen zu lassen, gar nicht genutzt und ließ stattdessen seine Mähne weiter wachsen. Seit dem verschärften Lockdown ab Dezember sind außerdem eh schon wieder die Friseure zu.

An dieser "spannenden Tradition", dass die Mitwirkenden - ausgenommen sind die 60 Darsteller der römischen Soldaten sowie Kulissenschieber oder Orchestermitglieder - sich ihre Haarpracht stehen lassen müssen, will Stückl unbedingt festhalten. Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts dürfte die Tradition entstanden sein, als deutlich mehr Aufführungen als drei oder vier stattfanden. Aus früherer Zeit sind nämlich durchaus Rechnungen erhalten geblieben, wonach der Bader für's Richten der "Parocken" sieben Gulden verlangte.

Bis zu 800 Leute auf der Bühne - im Moment ist das undenkbar 

"Jetzt werden wir halt wieder ein Hippie-Dorf", amüsiert sich der Spielleiter. Jugendliches Revoluzzertum sei übrigens schon 1968 in Oberammergau nicht möglich gewesen, weil schließlich selbst der Opa für die Passion sein Haar lang getragen habe. Etwas nachsichtiger zeigt sich Stückl bei den Bärten, die sich nicht mit der FFP2-Maskenpflicht vertragen. Es reiche auch noch aus, sich in den letzten vier bis fünf Monaten vor der Premiere einen Bart stehen zu lassen, so sein salomonisches Urteil.

Bis 31. März sollen jetzt erst einmal alle mehr als 2.400 Darsteller angeschrieben und gefragt werden, ob sie auch 2022 dabei sein wollten. Stückl rechnet nur mit wenigen Umbesetzungen. Seine Hauptdarsteller wollten jedenfalls allesamt weitermachen. Den von ihm verfassten Passionsspieltext, so räumt er freimütig ein, habe er sich gut ein Jahr lang nicht mehr angeschaut. Wenn er ihn jetzt wieder lesen werde, komme ihm vielleicht die Frage: "Was habe ich denn da geschrieben?" Beim Überarbeiten werde Corona aber mit Sicherheit nicht eingebaut werden: "Ich bin froh, wenn es vorbei ist."

Für Chor und Orchester sollen unter der Leitung von Markus Zwink im Oktober erneut die Proben beginnen; die Bühnendarsteller werden ab Januar 2022 loslegen. Wie das dann sein wird, wenn auf einmal wieder 800 Leuten auf der Bühne stehen werden, kann sich aktuell keiner so recht vorstellen. "Wir werden Nähe wieder lernen müssen", mutmaßt der Theatermann. Dennoch ist er zuversichtlich. Bei seinen Spaziergängen durchs Dorf habe er gemerkt, dass die Leute einfach Lust hätten auf die Passion. Die Bühnenbilder seien zu 90 Prozent fertig, zwei Drittel der Schauspieler bereits eingekleidet. Die Fotos für den geplanten Bildband müssten neu gemacht werden.

Zuversicht ist gleichfalls beim im Oktober zum zweiten Mal gestarteten Kartenverkauf angesagt. Bisher liege die Auslastung für die 103 zwischen 14. Mai und 2. Oktober angesetzten Aufführungen bei 65 Prozent, berichtet Werkleiter Walter Rutz. Das zeigt, dass auch die von weit her erwarteten Besucher die Passionsspiele noch nicht aufgegeben haben. "Wenn ihr Glauben habt, könnt ihr Berge versetzen", zitiert Stückl seinen eigenen Passionsspieltext. "Vielleicht schaffen wir das auch. Auch wenn man im Augenblick noch das Gefühl hat: Es wird ganz schwierig."

kna/Barbara Just