27.02.2019

Anfrage

Das Lamm Gottes: Trägt es oder nimmt es hinweg?

Manche Priester sagen vor der Kommunion: „Seht, das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt“; andere sagen: „... das trägt die Sünden der Welt“. Was ist das für ein Unterschied? R. M., Wurzen

Ihre Frage betrifft in erster Linie ein Übersetzungsproblem. Die Liturgie der katholischen Kirche ist in ihrer Grundform ja immer noch lateinisch, das heißt: Der Ausgangspunkt der Messtexte ist die verbindliche Form auf Latein, wie sie im sogenannten römischen Messbuch fixiert ist. Von dort aus wird der Text in alle anderen Sprachen übersetzt.

Nun heißt es im Lateinischen über das „Agnus Dei“, das „Lamm Gottes“. „.. qui tollis peccata mundi“. Wenn man das lateinische Verb „tollere“ im Lexikon nachschlägt, findet man reichlich Übersetzungsmöglichkeiten – es ist offenbar eines der besonders facettenreichen Verben in der lateinischen Sprache. Auch „auf sich nehmen“ gehört beispielsweise dazu. Oder „vernichten“. Wie übrigens „peccata“ nicht nur, wie wir es kennen, mit „Sünden“ übersetzt werden kann, sondern auch mit „Schuld“ oder „Vergehen“.

Damit nicht jeder Priester seine alten Lateinkenntnisse ausgraben muss, gibt es im deutschen Messbuch eine offizielle Übersetzung. Sie lautet: „Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt.“ An diese Form sollte sich jeder halten. Tut es aber nicht. Nicht beim Lamm Gottes und auch sonst nicht.

Interessant ist übrigens ein Vergleich der Übersetzungen der Bibelstelle Johannes 1,29. Das Zeugnis des Täufers über Jesus ist ja die Grundlage dieses Satzes. Nach der katholischen Einheitsübersetzung sagt Johannes wortgleich wie im Messbuch: „Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt ...“; die Lutherübersetzung hingegen schreibt: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ Sprachlich lehnt sich das näher an das jüdische Ritual des Sündenbocks an: „Der Bock soll alle ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen.“ (Levitikus 16,22)

Ob das jetzt ein theologischer Unterschied ist? Ich denke: eher nicht. Es geht in beiden Fällen um den Glauben daran, dass Jesus uns durch seinen Kreuzestod von Sünden, Schuld und Tod befreit hat. Der Rest ist Wortklauberei.

Susanne Haverkamp