14.04.2014

Warum gibt es verschiedene Liedfassungen?

Im Evangelischen Kirchengesangbuch hat „O Haupt voll Blut und Wunden“ zehn Strophen, im alten Gotteslob sieben, im neuen Gotteslob acht, die in der Reihenfolge und auch textlich mitunter voneinander abweichen. Wurde da eine Chance zu besserem Verständnis füreinander wieder leichtfertig und auf Jahrzehnte hinaus vertan? Muss man nun bei allen ökumenischen Liedern erst einmal die Übereinstimmung prüfen? E. S., Großlohra

Schon seit 1969 gibt es die „Arbeitgemeinschaft für ökumenisches Liedgut“ (AÖL), eine hochrangig besetzte internationale und konfessionsverbindende Kommission, deren Aufgabe es ist, möglichst viele „ökumenische Lieder“ zu entdecken und gemeinsame Fassungen zu erarbeiten. In der Entstehung des neuen Gotteslobs war die AÖL intensiv beteiligt.


Matthias Kreuels, der katholische Sekretär, hatte alle Lieder aus dem Stammteil und viele Gutachten dazu auf seinem Schreibtisch. „Jedes Ö-Lied ist ein eigenes Kapitel“, sagt er. Die Gutachten zu jedem Lied und seinen geschichtlich gewachsenen textlichen und musikalischen Varianten umfasste meist mehrere Seiten. Für das Lied „Wohl denen, die da wandeln“ finde man fast 50 Strophen, nennt Kreuels als Beispiel. Da ist es nicht leicht, sich über Länder und Konfessionen hinweg zu einigen – zumal die jeweils eigene Tradition eine große Rolle spielt.


Dass beim neuen Gotteslob ökumenische Chancen vergeben wurden, bestätigt Kreuels nicht. „Die AÖL war so intensiv beteiligt wie nie.“ Dass in Einzelfällen (wie bei „O Haupt voll Blut und Wunden“) dann doch gegen die Empfehlung der AÖL entschieden wurde, bedauert er. „Aber im Großen und Ganzen ist das Buch auch ökumenisch sehr gut gelungen.“


Um als Gemeinde nicht jedes einzelne Lied überprüfen zu müssen, wenn etwa ökumenische Gottesdienste anstehen, hat die AÖL im Übrigen zwei Symbole eingeführt: Das neben dem Lied stehende „ö“ wird gesetzt, wenn ein Lied in Melodie, Text, Strophenauswahl und Strophenreihenfolge voll der Vorlage der AÖL entspricht; das eingeklammerte (ö), wenn es in Teilen von der AÖL-Fassung abweicht.

Von Susanne Haverkamp