08.11.2013

Studie: Erzieherinnen sind Hochrisikogruppe für Burnout

Von wegen ein Kinderspiel!

Wie hoch ist das Burnout-Risiko bei Erziehern? Dieser Frage ging eine Studie der Katholischen Hochschule NRW Aachen nach. Das Ergebnis ist besorgniserregend. 

Stressquelle Nummer eins bei Erzieherinnen sind zu große
Gruppen und zu wenig Personal. Foto: pa

Sie wechseln Windeln und trocknen Tränen, sind Therapeuten, Streitschlichter und Spielkameraden, aber auch Berater für Eltern und Co-Erzieher. Die Anforderungen an die Fachkräfte im Wechselspiel von Betreuung und frühkindlicher Bildung sind hoch. „Multi-Tasking ist gefordert“, sagt Cornelia Hogenmüller, Leiterin des Kindergartens St. Laurentius im badischen Gaggenau. „Oft kreuzen sich ganz viele Bedürfnisse auf einmal. Bei Gruppen mit 20 bis 25 Kindern und nur zwei Erziehern kein Wunder!“ 

Bei Weiterbildungen sei er immer wieder mit den Belastungen des Berufs konfrontiert worden – „bis hin zum Burnout“, betont Professor Johannes Jungbauer, Leiter der Studie. Er befürchtet durch den gesetzlichen Anspruch auf Betreuung für Kinder ab dem ersten Lebensjahr seit 1. August einen Anstieg der Gesundheitsrisiken.

Mehr als 800 Erzieher befragt

Anhand eines Fragebogens wurde die Belastung von 834 Erziehern, darunter 49 Männer, erforscht. Die Ergebnisse sind alarmierend: Fast jeder fünfte (18,5 Prozent) der Befragten fühlt sich in seinem Beruf extremem Stress ausgesetzt und läuft Gefahr, an einem Burnout zu erkranken. Mehr als jeden vierten Erzieher (27,4) überfordert die Arbeit oft. 20,1 Prozent schlafen schlecht. Fast jeder Dritte (32,8) arbeitet über die normale Arbeitszeit hinaus.

Als Stressquelle Nummer eins nennen die Forscher die mangelhafte Personalausstattung. Konkret: zu große Gruppen, einen unzureichenden Betreuungsschlüssel, Zeitdruck und Mehrarbeit wegen erkrankter Kollegen. „Ich weiß, dass etliche durch Überbelastung krank werden“, bestätigt Kita-Leiterin Hogenmüller. Ein gutes Team könne Ausfälle eine Weile auffangen, „aber irgendwann sind die Reserven erschöpft“. Weitere Stressfaktoren sind der Geräuschpegel in den Gruppenräumen, die Dokumentationspflichten zur Entwicklung jedes Kindes sowie überhöhte Ansprüche der Eltern. 

Nach Schätzungen fehlen 30 000 Fachkräfte

„Mich überraschen diese Ergebnisse nicht“, erklärt Gerlinde Kohl, stellvertretende Bundesvorsitzende der Katholischen Erziehergemeinschaft Deutschlands. Das Personal sei mit den wachsenden Anforderungen nicht mitgewachsen. Schätzungen der Arbeiterwohlfahrt zufolge fehlten bundesweit 30 000 Fachkräfte. 

Interessant: Trotz aller Belastungen lieben Erzieherinnen ihren Beruf und identifizieren sich mit ihm. Selbst schwierige Kinder bewerten sie zwar als anstrengend, aber für rund ein Viertel stellt dies eine normale Herausforderung dar. 

„Die Daten zeigen, dass bei hoher Stressbelastung die Betreuungsqualität leidet“, warnt Professor Jungbauer. „Mangelhafte Arbeitsbedingungen gehen auf Kosten der Kinder.“ In seinem Abschlussbericht fordert er ein realistisches zu bewältigendes Arbeitspensum, ausreichend Zeit für Kinder, angemessene Gruppengrößen sowie Kurse zur Stressbewältigung. Die Politik müsse handeln: „Schließlich geht es um die Zukunft unserer Kinder.“

Von Heike Sieg-Hövelmann