06.08.2014

Kommentar

Ständige Solidarität

Von Ulrich Waschki

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland vermisst angesichts antisemitischer Ausfälle die Solidaritätswelle der normalen Bürger. Graumanns Haltung ist nachvollziehbar: Dass Juden heute wieder in Deutschland leben, ist zum Glück zunehmend normal. Doch selbstverständlich ist es nicht. Zu schwer wiegen die unvergleichlichen Verbrechen, die von Deutschen an ihren jüdischen Mitbürgern begangen wurden.


Umso schlimmer, dass bei Kundgebungen zum Konflikt im Gaza-Streifen und Israel Menschen antisemitische Parolen gegrölt haben. In Deutschland darf dafür kein Platz sein! Der Staat muss mit allen Möglichkeiten gegen die vorgehen, die die Meinungsfreiheit für volksverhetzende Töne missbrauchen.


Legitime Kritik an der Politik der israelischen Regierung darf keine Tarnung für Antisemitismus sein. Gut, dass Politiker – angefangen bei Bundespräsident Joachim Gauck – und Kirchenvertreter das unmissverständlich klargemacht haben.


Doch braucht es wirklich eine „Solidaritätswelle“, wie Dieter Graumann fordert? Der Publizist Michel Friedman hat kürzlich in einem Interview zwei wesentliche Aspekte für diese Frage hervorgehoben. Der erste: Die Diskussion in Deutschland laufe immer aus der Täterperspektive. Das stimmt. Immer wieder geht es uns darum, die richtigen Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Aber wahrscheinlich weniger aus Empathie für die Opfer, sondern eher aus historischem Verantwortungsgefühl aus Tätersicht. Nichts falsch machen, nicht wieder schuldig werden. Dabei müsste es darum gehen, die Sicht der Opfer und ihrer Nachkommen einzunehmen. Auch wenn es schwer fällt, sich in ihre Lage und Gefühlswelt hineinzuversetzen. Michel Friedman – der zweite Aspekt – erklärte, wie sein Leben als Kind von Holocaust-Überlebenden überschattet wurde: „Urvertrauen hat es in meinem Leben nie gegeben.“


Die Angst sitzt tief. Das ist es, was Dieter Graumann eine Solidaritätswelle fordern lässt. Ob wir diese derzeit brauchen und wie sie aussehen kann, sei dahingestellt. Was wir auf jeden Fall brauchen, ist ständige Zivilcourage und Solidarität. Die Zwischenfälle offenbaren, dass es einen versteckten Antisemitismus in unserer Gesellschaft gibt. Wer hat noch nie erlebt, dass jemand von „den Juden“ gesprochen hat? Oder dass in Gesprächen antisemitische Vorurteile bedient wurden?
Dagegen gilt es, auch im privaten Umfeld, immer wieder entschieden Position zu beziehen.