06.05.2015

Die Liebe und die Regeln

Liebe – und tue, was du willst!

Love, love, love – ließe sich salopp die Botschaft der Lesungen dieses Sonntags zusammenfassen. Liebe: Jesu neues Gebot setzt auf Schwäche und hebt doch diese Welt aus ihren Angeln.

Worte, Blicke, Berührungen, Gesten ... Liebe findet unzählige Möglichkeiten. Foto: fotolia

In seinen wilden Jahren beschrieb der Münchner Dichter und Musiker Konstantin Wecker, wie ihn aus heiterem Himmel eine göttliche Einsicht traf: „Liebe Gott und tue, was du willst‘, diesen Augustinus hat man mir früher immer verschwiegen. … Wenn ich mir das mal ohne Hass durch den Kopf gehen lasse – so dumm kannst du gar nicht sein, wie dich die Jahrhunderte dargestellt haben. Von deinem Standort aus überblickst du alles ja soviel besser – wie sich Gesetze ändern, wie unmenschlich menschliche Ordnungen sind, wie sprunghaft die Schuld ist. Lieber Gott, du kannst ja gar kein Rächer sein und schon gar kein Moralist.“

„Liebe Gott und tue, was du willst“, zitiert Wecker Augustinus (354–430), Bischof von Hippo, dessen jugendlicher Lebenswandel dem des Münchner Lebemannes gar nicht unähnlich war. „Liebe, Lust und Leidenschaft – und sonst alles egal“: eine neue Theologie abgesegnet durch einen Kirchenvater? Ja und Nein.

Der Satz, den Wecker zitiert, stammt aus einem Text des Augustinus zum Johannesbrief aus dem die zweite Lesung dieses Sonntags stammt. Ganz genau übersetzt lautet der Satz: „Liebe und (dann) tue, was du willst.“ Vielen klingt der Satz revolutionär – das war zur Zeit des nordafrikanischen Bischofs nicht anders als heute. Das Größte ist die Liebe, alles andere ist zweitrangig. Ja, so ist es. Und so sagen es auch Jesus und Paulus. Allerdings denken beide doch in erheblich größeren und weiteren Perspektiven.

 

Zwischen "Schon" und "Noch-Nicht"

Christen leben zwischen „Schon“ und „Noch-Nicht“: Schon erlöst, aber noch nicht frei von irdischen Zwängen, schon in Gottes Gemeinschaft, aber noch nicht ganz bei ihm. „Christlicher Glaube ist ein Bestehen in der Verheißung“, schreibt die Theologin Bettina-Sophia Karwath. Der Tod, den Jesus aus Liebe erlitten hat, und seine Auferstehung durch Gottes Liebe sind diese Verheißung. Ihr kann ich nur glauben, ihr muss ich vertrauen. Eine Garantie, eine Prüfnorm, einen einklagbaren Rechtsanspruch gibt es nicht.

Jeder Gottesdienst, vor allem die Eucharistiefeier, ist eine Feier, die dieses „Schon und Noch-Nicht“ darstellt. Das tut die Liturgie ganz wesentlich mit Ritualen. Seit etlichen Jahren sind Rituale wieder stark im Kommen. Einst als verstaubt verschrien, setzt sich die Einsicht wieder durch: Menschen brauchen Rituale. Immer wiederkehrende Abläufe geben dem Leben Struktur, schenken Geborgenheit und Halt und stärken Ich- und Wir-Gefühl. Zumal in unserer Zeit, in der sich vieles ständig ändert. Rituale, Gesetze, Regeln geben Halt. Sie helfen, Werte besser zu verstehen, sie zu verinnerlichen. 

In der Redaktion dieser Zeitung gehen oft Fragen ein: „Ist es erlaubt …?“ „Darf ein Priester …?“  „Wann ist … gültig?“ Nach Jahrzehnten, in denen eine Überfülle liturgischer Vorschriften hinterfragt wurden, setzt eine Gegenbewegung ein: Im Leben einer Gemeinde, einer Familie, aber auch in einem Gottesdienst kann doch nicht alles beliebig sein. 

So ist „Liebe und tue, was du willst“ auch nicht gemeint. Das Leben braucht Verlässlichkeit. Daher haben alle Religionen solche Rituale und Regeln. Die aber erklären nicht, sondern sind Wegzeichen, die auf etwas anderes weisen. Sie sind nicht das Ziel. Dieses Ziel, die Gemeinschaft in Liebe untereinander und mit Gott, ist nicht zu machen.  Sie ist ein Geschenk – dem man sich öffnen sollte. Auch, indem man sich an Gebot oder Vorschriften ausrichtet. Das Ziel aber ist die Liebe. 

Doch das Wort, das Augustinus verwendet, bedeutet nicht nur „lieben“, sondern auch „achten“, „wertschätzen“. Etwas davon klingt durch in einem Gedicht des jüdischen Dichters Erich Fried:

 

„Es ist Unsinn

sagt die Vernunft

Es ist was es ist

sagt die Liebe

Es ist Unglück

sagt die Berechnung

Es ist nichts als Schmerz

sagt die Angst

Es ist aussichtslos

sagt die Einsicht

Es ist was es ist

sagt die Liebe (…)“.

 

Diese Zeilen erfassen etwas Wesentliches. Aber Gott allein mag so sprechen. Wir Menschen können schwerlich so großzügig denken: Es ist, was es ist. Ich lasse es so sein. Das gegenwärtige Ringen in der Weltkirche um Glaubenslehre und Barmherzigkeit entspringt der Spannung zwischen Regeln und Liebe. Die beiden sind in dieser Welt oft wie ein altes Ehepaar: geraten mitunter in Streit, können aber auch nicht ohneeinander.

Dennoch hat Jesus die jüdische Tora, also die „Unterweisung, wie man leben soll“, dem Doppelgebot der Liebe untergeordnet: „‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.‘ An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.“ Das meint Paulus, wenn er so kühn behauptet: Durch den Glauben sind wir erlöst, nicht dadurch, dass wir uns auf Gesetze verlassen, auf den moralische Kontostand guter Werke. Glauben aber heißt: Leben und Lieben im Vertrauen.

So richtig loslassen und einander lieben werden wir erst können, wenn wir ganz bei Gott sind, „im Himmel“. Bis dahin bleibt unser Lieben unvollkommen, braucht unser Zusammenleben Rituale, Regeln und Gesetze. Als oberstes Gebot aber darf und kann gelten: „Liebe – und dann tue, was du willst.“

Von Roland Juchem