22.08.2012

Warum Menschen glauben und andere nicht

"Ich glaube" - "Ich nicht"

Viele Jünger, so heißt es im Evangelium des 21. Sonntags, wandten sich von Jesus ab. Andere blieben, weil sie überzeugt waren: „Du hast Worte ewigen Lebens“. Auch heute wenden Menschen sich ab, weil sie der christliche Glaube nicht mehr überzeugt. Andere bleiben, weil er sie trägt. Wie bei Thomas Szlapka und Hubert Hoffmann.

Beide sind 54 Jahre alt, beide haben einmal Theologie studiert. Hubert Hoffmann unterrichtet heute Deutsch, Sport und Religion an einem Osnabrücker Gymnasium. Thomas Szlapka ist sozialpsychologischer Berater bei der Polizeidirektion Osnabrück. Im Redaktionsgespräch stellen sie sich der Gretchenfrage: Wie hältst du’s mit dem Glauben?

Welchen Satz im Evangelium machen Sie sich zu eigen?

Hubert Hoffmann
Hubert Hoffmann: "Ich glaube"

Hoffmann: Der Satz des Petrus, „Herr, zu wem sollen wir gehen?“, trifft mich existenziell. Der heißt ja: Welche anderen Lebensentwürfe neben dem christlichen Glauben könnte ich übernehmen? Ich setze mich schon mit anderen Entwürfen auseinander. Aber ein humanistischer Atheismus oder ein Leben nach dem Motto „Wie verwirkliche ich mich?“ überzeugen mich nicht.

Szlapka: Bei mir ist es genau der gleiche Satz. Aber ich bin zu einem anderen Ergebnis gekommen. Ich bin auch christlich aufgewachsen, habe Theologie studiert, sogar Religion unterrichtet. Ich möchte da aber nicht bleiben, nur weil ich nicht weiß, wohin ich sonst gehen soll. Bei Jesus zu bleiben, müsste positiv begründet sein, weil ich ergriffen und überzeugt bin. Aus Ihrer Antwort höre ich eine Art Achselzucken: Wohin soll ich halt sonst gehen? Ich selbst habe eine agnostische Grundhaltung gefunden und habe lieber gute Fragezeichen als schlechte Ausrufezeichen. Ich gehöre also zu denen, die weggehen von Jesus.

Hoffmann: Aber ich bleibe nicht nur deshalb bei ihm, weil ich nichts Besseres finde. Mich trägt das schon. Wo ich mich angefragt fühle, sind die Leidensgeschichten dieser Welt. Aber welche besseren Antworten hätte da ein Atheismus oder Agnostizismus? Für mich ist die christliche Grundlage immer noch sehr tragfähig und tröstlich, trotz aller Fragen.

Szlapka: Sie fragen mich: Wo sind die besseren Antworten? Ich antworte Ihnen: Ich weiß es nicht. So beschränke ich einfach den Kreis meiner Erkenntnis und bemühe mich, zwischen meiner Geburt und meinem Tod nicht so viel Schaden anzurichten.

Hoffmann: Als Christ bleibe ich immer auch ein Fragender. Aber Ihre Antwort „Ich weiß es nicht“ ist mir zu wenig. Ich sehe mich als politisch sehr wachen Menschen und für mein gesellschaftliches Engagement brauche ich eine Perspektive, die mir sagt: Was du machst, ist sinnvoll.

Was genau hat Sie zu Ihrer jetzigen Lebenshaltung geführt?

Thomas Szlapka
"...ich nicht.": Thomas Szlapka

Szlapka: Ich habe kein Paulus-Saulus-Erlebnis gehabt. Es war mehr eine vergebliche Suche nach spürbaren, erlebbaren Erfahrungen mit Gott. Früher bin ich begeistert den Jugendkreuzweg mitgegangen; da sind die existenziellen Fragen zumindest angesprochen worden. Das war schon etwas anderes als im Tennisclub oder Briefmarkensammelverein.  Aber im Laufe der Zeit habe ich gemerkt: Es gibt keine Zusammenhänge, ob es jemandem gutgeht oder nicht. Es wird gelitten und gestorben, egal ob gebetet wird oder nicht. Die größten Idioten und Übeltäter leben lustig vor sich hin …
Es gab keine Wechselwirkung zwischen der Überzeugung, der ich anhing, und dem, was ich in der Welt erleben muss. Als Notfallseelsorger habe ich solche Blut-Schweiß-und-Tränen-Geschichten direkt miterlebt. Alles Leid passiert, egal, welches Muster du oben drauflegst. Und deswegen ist mein Glaube verdunstet. Es ging nur darum, körperlich da zu sein und sich zu beflecken mit dem, was da gerade passiert.

Hoffmann: Aber genau so hat Jesus gehandelt. Was heißt da „eine Ideologie oben draufsetzen“? Ich hoffe nicht, dass ich das tue. Es geht darum, einfach da zu sein.

Szlapka: Eben. Aber was heißt das, wenn ein Chinese bei einem anderen Chinesen „einfach da ist“? Ist das auch jesuanisch? Oder ist es schlicht …

Hoffmann: … es wäre menschlich. Und dann ist es auch christlich. Ich habe damit kein Problem. Warum soll das etwas anderes sein? Und wenn es das in allen Teilen der Welt gibt, dann ist es gut.

Szlapka: Das ist auch gut. Aber solch soziales Verhalten ist älter. Dieses gute, allgemeine, menschliche Verhalten muss ich nicht mit einer religiösen Deutung, die viel jünger ist, überfrachten. Die brauche ich nicht, das ist für mich nur Verzierung.

Hoffmann: Für mich ist das keine Verzierung oder aufgesetzte Ideologie. Neben dem Versuch, das Vorbild Jesu glaubwürdig weiterzugeben, brauche ich mehr. Und das hat mit dem Glauben und mit der Kirche zu tun. So bin ich in meinem Leben immer wieder Menschen begegnet, die sehr glaubwürdig die christliche Sache leben. Eine für mich existenzielle Frage ist die nach der Gerechtigkeit und den großen Gaunern, die davonkommen. Was ist mit den unschuldigen Opfern unserer Geschichte? Wie gehen wir damit um? Für mich ist mein Glaube auch eine Hoffnung auf endgültige Gerechtigkeit. Dieses Vertrauen habe ich, einmal weil ich christlich aufgewachsen bin, aber auch weil ich es für existenziell wichtig halte.

Wie erleben Sie religiöse Sprache?

Szlapka: Für mich sind das nur Wortschnitzereien, wenn auch zum Teil sogar Kunstwerke. Aber ich teile den gemeinsamen Überbau nicht. Es gab Zeiten in meinem Leben, da musste ich mich entscheiden: rechts oder links, verkaufen oder behalten. Es hat mir gut getan, dass ich diesen Überbau nicht mehr brauche.

Das klingt, als sei Ihnen das leichtgefallen. Gab’s keinen Abschiedsschmerz?

Szlapka: Doch. Es war ein jahrelanger Prozess; am Ende ist mein Lebenskonzept seit der Jugend mit Getöse zusammengekracht. Das hat mir auch wehgetan. Die Leere habe ich gespürt. Aber dann kam der Punkt, an dem ich gemerkt habe: Trotzdem stürze ich nicht ab.

Hoffmann: Dem Satz, religiöse Aussagen sind bloße Wortkonstrukte oder ideologischer Überbau, würde ich widersprechen. Ein Beispiel: Unser Sohn geht jetzt für ein Jahr nach Afrika. Das ist für mich als Vater nicht ganz leicht. Aber bei einem Gottesdienst wurde dazu etwas gesagt, das mir geholfen hat. Daher sind solche Aussagen kein bloßer Überbau, solche biblischen Worte sind sehr gut mit dem Realismus dieser Welt verbunden …

Wortschnitzerei meint aber doch: Den religiösen Wörtern entspricht nichts, was es wirklich gibt. Welche Wirklichkeit steckt für Sie dahinter?

Hoffmann: Manche Worte gehen mir sehr nahe; so dass ich sagen kann: Genauso spüre und erlebe ich es auch. Natürlich gibt es genügend religiöse Wortkonstruktionen, über die ich mich ärgere und die mit meiner Welt nichts zu tun haben. Aber umgekehrt höre ich immer wieder Worte und treffe ich Menschen, die mich existenziell treffen und religiös überzeugen. Man braucht doch so etwas und kann nicht nur von Fragezeichen leben.

Szlapka: Ich kenne auch von früher dieses schöne Gefühl nach einer guten Predigt, die mir die Welt mal wieder geordnet hat. Heute sehe ich mich eher wie Goethes „Faust“: „Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemüh’n. Da steh ich nun, ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor.“ Es ist ja wunderschön, wenn man so tut, als wüsste man, wo es hingeht. Aber ich bin aus dieser Art Naivität herausgewachsen und komme in den alten Zustand nicht mehr rein.

Hoffmann: Ich kann mir schwer vorstellen, ganz ohne eine solche Orientierung zu leben. Um mich in dieser Welt zu engagieren, brauche ich eine Kraft- und Motivationsquelle. Wo nehme ich die her? Ich kann es nicht aus einem Glauben an die Menschheit und der Zuversicht: Irgendwann werden wir diese Welt perfekt machen …

Stichwort Kraftquelle: Können Sie Ihre Erfahrungen am Beten festmachen?

Szlapka: Ich habe als Kind vor dem Bett gekniet, wenn es in der Familie schwierig wurde und inständig gefleht, Signale ins Weltall hinausgesandt. Eine Antwort, ein spürbares Echo, von dem ich sagen kann, es hat mit meinem Rufen zu tun, habe ich nicht erlebt. Die Arme nach oben auszustrecken wie ein Kind zu Vater und Mutter ist eine – auch wenn es hart klingt – infantile Grundhaltung.

Hoffmann: Beten als Bitte an einen Gott, der direkt und unmittelbar eingreift, finde ich auch schwierig. Beten ist für mich Ausdruck einer Befindlichkeit für Nöte und Sorgen wie für Freude. Eine personale Mitteilung, die mir hilft …

… Mitteilung an wen?

Hoffmann: … an ein Gegenüber, von dem ich glaube, dass er mir zuhört. Beten ist zudem ein Akt, an andere zu denken und sich ihrer Lage klarzuwerden. – Was mich stört, ist die Unterstellung, Gläubige seien infantil. Als Glaubender sehe ich meine Verantwortung, außerdem ist mein Glaube von einem nüchternen, manchmal pessimistischen Realismus, der sich die Härten und Abgründe des Daseins nicht weglügt.

Gibt es etwas, das Sie an Ihrer jetzigen Haltung zweifeln lassen könnte?

Szlapka: Ich habe es versucht. Habe sonntags mal den Radiogottesdienst eingeschaltet, um zu hören, was sie Schlaues zu sagen haben. Aber es hat mich nicht überzeugt, im Gegenteil: Ich werde eher in meiner Haltung gestärkt.

Hoffmann: Ich will nicht von einem Glauben ohne Zweifel sprechen. Wenn man Bilder menschlicher Gräueltaten sieht – etwa aus Syrien – dann ist das eine starke Anfrage an meinen Glauben. Dennoch trägt mich mein christlicher Glaube in meinem Leben durch und gibt mir Trost und Hoffnung.

Es fragte Roland Juchem.