04.11.2014

Was macht eine Kirche besonders? Der Bau, der Mensch, die Begegnung mit dem Heiligen

Erhebende Räume

Der Weihetag der Lateranbasilika, der Kathedrale des Bistums Rom, ist so etwas wie das zentrale Kirchweihfest der römisch-katholischen Kirche. Gelegenheit zu fragen: Was macht eine Kirche so besonders? Und warum sollte es schwerfallen, sie aufzugeben?

Was macht eine Kirche zu einer Kirche? Die Begegnung mit Gott – der Raum kann dazu allenfalls Hilfestellung geben. Foto: imago

Wer eine Kirche baut, gibt immer auch ein großes Versprechen. „Allmächtiger, ewiger Gott, … in festlicher Feier weihen wir dir heute dieses Haus des Gebetes“, heißt es im Gebet zur Kirchweihe. Hier wird beschrieben, wofür der Kirchbau und die Kirche als Volk Gottes da sind: Sie verbindet Erde und Himmel, wartet auf die Wiederkunft Christi, ist Gottes Zelt bei den Menschen, allseits sichtbares Zeichen. Sie ist gleichzeitig Ort der Vergebung, der Feier der Auferstehung, ein Ort, an dem Lob und Dank erklingen, und ein Ort, an dem Gebete aufsteigen.

Was macht eine Kirche so besonders und was nicht? Die Frage stellen auch Menschen, die nicht zur Kirche gehören, das Gotteshaus in der Mitte ihres Wohnortes aber nicht missen wollen. Sind es – platt gesagt – nur Spitzbögen und bunte Fenster? An solchen kulturellen Merkmalen allein liegt es nicht, sagt Albert Gerhards, Professor für Liturgiewissenschaft an der Universität Bonn. Was eine Kirche als Sakralbau kennzeichnet, ist vor allem die Trennung von Profanem und Heiligem. Das hat sie mit allen Tempeln und anderen Kultbauten gemeinsam; zudem ist diese Erfahrung von Andersheit in fast allen Kulturen erfahrbar: Hier ist ein Ort, der anders ist.

Gleichzeitig soll eine Kirche einladen, dem Göttlichen zu begegnen. Ob das gelingt, liegt auch am Architekten. Eine Bank oder ein Ministerium betritt kaum jemand mit Freude, eine Kirche schon. Es gibt also Äußerlichkeiten, die eine Kirche besonders machen: der Wechsel von Licht und Dunkel, das Material, der Zuschnitt und die Proportionen des Raumes, die zentrale oder erhobene Lage des Gebäudes im Ort oder in der Landschaft. Und über diese Kriterien können sich zumindest Architekten und Denkmalschützer auch weitgehend objektiv verständigen.

 

Erst durch Begegnungen wird eine Kirche heilig

Allerdings lässt sich das Heilige, dem zu begegnen die Kirche dienen soll, nicht leicht benennen oder erfassen. Seit Menschengedenken gehört es zum jüdisch-christlichen Erbe, das Heilige kritisch zu hinterfragen. Es lässt sich nicht festmachen an einem Ort oder einem Gegenstand. Gottes Gegenwart ist nur im Nachhinein oder im Vorübergehen spürbar. „So ist das Heilige eines christlichen Raumes nicht dinglich, sondern personal“, sagt Albert Gerhards. Die Heiligkeit einer Kirche besteht „in der Begegnung der Menschen mit Gott, mit anderen, mit sich selbst und mit dem Kosmos.“

Dabei könne das Gebäude solche Begegnungen entweder erleichtern oder erschweren. „Wir können uns in einer schlechten Kirche so verhalten, dass es trotzdem ein guter Gottesdienst ist. Obwohl das ziemlich anstrengend ist“, sagt Gerhards. „Und wir können in einer guten Kirche schlechte Gottesdienste feiern.“ 

Weil aber der Mensch dazu neigt, mit Hilfe von Sicht- und Greifbarem sich selber Heiliges zu schaffen, mussten christliche Reformer wiederholt zu einer Art „liturgischer Diät“ aufrufen. Als der Opfertod christlicher Märtyrer zu einem Starkult mit eigenen Altären zu werden drohte, rückte Augustinus die Verhältnisse zurecht:

„Keinem von den Märtyrern, sondern dem Gott der Märtyrer selbst errichten wird an den Gedenkstätten der Märtyrer unsere Altäre.“ Ähnlich die Reformer gegen den Reliquienkult. So ist die wichtigste Einsicht aller Liturgiereformen, auch der jüngsten von 1970: Nehmt das Beiwerk nicht zu wichtig; das Wesentliche können wir nicht machen.

Das Wesentliche ist die Begegnung mit Gott. In der Kirche geschieht sie am Altar und am Ambo, im eucharistischen Mahl und in der Verkündigung des Wortes Gottes. Nur: Wie lässt sich das vermitteln? Wie erfahren Menschen das? Das wird anscheinend immer schwieriger. Und so sind es nicht allein finanzielle Gründe, die heutige Debatten um den Erhalt, die Umnutzung oder den Abriss von Kirchen befeuern.

 

Eine Kirche als Ort, der birgt, erhebt und orientiert

Der Berliner Architekt Rainer Fisch, der sich viel mit der Umnutzung von Kirchen befasst, sagt: „Die Dächer sind dicht, die Mauern stehen fest. Was vielen Kirchen fehlt, ist der angemessene Inhalt.“ Liturgiewissenschaftler Gerhards appelliert daher an Kirche, Politik und Gesellschaft: „Wir verspielen geistliches Kapital, wenn wir unsere Kirchen zu schnell aufgeben.“ Die Gesellschaft erkenne oft nur zehn Prozent des geistlichen Potenzials vieler Kirchen. In unserer virtuellen Welt könne es „eine Renaissance geben bei der Wiederentdeckung des Räumlichen und des Sakralen“.

Das, was eine Kirche besonders macht, ist ihre Sakralität – ihre Heiligkeit. Die hat für manche etwas Zwanghaftes: Sei leise, ruhig und unauffällig. „Für mich“, sagt Gerhards, „ist Sakralität etwas, das mich zu mir selber kommen lässt. Ein Raum, der mich einlädt, mich birgt, mir Richtung gibt und der mich über die Banalität meines Alltags erhebt.“

Von Roland Juchem