12.02.2016

Fastenserie

Ein Schlafplatz für die kalte Nacht

In einer Tagesstätte der Caritas Frankfurt/Main übernachten während der Wintermonate mehrere Dutzend wohnungslose Menschen. Einmal in der Woche übernehmen Kapuzinerbrüder eine Nachtschicht.

 

Anheimelnd sieht anders aus - doch es ist trocken und warm - und darauf kommt es im Winter am meisten an. Foto: kna-bild

Schnarchen. Husten. Einmal ein leises Stöhnen. Ansonsten: Ruhe. Als um 22 Uhr das Licht gelöscht wird, hat jeder der Männer seinen Schlafplatz eingerichtet mit einer Liegematte und einem Schlafsack. 

Am Kopfende steht meistens ein Rucksack, eingerahmt von zwei, drei Plastiktüten. Am Fußende markiert eine grüne Kiste: Hier liegt jemand. Tagsüber ist sie Behältnis für Schlafsack und Nachtutensilien. Jeden Abend holen die Männer sie aus dem Lagerraum im Keller der Tagesstätte des Caritasverbandes Frankfurt in der Bärenstraße. Wo sich tagsüber bis zu 200 Männer und auch Frauen aufhalten, frühstücken, zu Mittag oder zu Abend essen, schlafen nun tagtäglich seit Mitte November und bis Mitte März wohnungslose Menschen, bis zu 35 Männer und zehn Frauen, in je eigenen Bereichen.

Jede grüne Kiste ist mit einem Namen
beschriftet. Foto: kna-bild

Die Franziskustreff-Stiftung des Kapuzinerklosters Liebfrauen engagiert sich hier finanziell und personell. Da hier auch Gäste übernachten, die im Franziskustreff frühstücken, erhält der Caritasverband Frankfurt als Träger der Winterübernachtung neben dem Hauptzuschuss von der Stadt Frankfurt auch von der Franziskustreff-Stiftung eine finanzielle Hilfe. 

Damit das Angebot der Winterübernachtung den Bedürfnissen der Gäste entspricht und auch den Anforderungen einer guten Sozialarbeit gerecht wird, sind hauptamtliche Mitarbeiter für die Bedürftigen da. Ab 20 Uhr bauen sie die Tagesstätte zur Notübernachtungsstätte um, richten die Duschen im Keller her, überprüfen die Toiletten, trennen den Frauenbereich vom Männerbereich ab und bereiten die Teeausgabe vor. Ab 21 Uhr heißen sie die Gäste willkommen, überprüfen, ob sie angemeldet sind, wachen während der Nacht und stehen für Notfälle bereit. Jeden Sonntagabend ist in diesem Winter einer von fünf Brüdern aus der Kapuzinergemeinschaft Liebfrauen mit dabei als ehrenamtlicher Helfer, so dass in dieser Nacht nur ein Hauptamtlicher eingesetzt werden muss.

 

Jeder muss auf den anderen Rücksicht nehmen

21 Uhr. Die ersten Gäste treffen ein. Wer übernachten will, muss sich zuvor beim Franziskustreff oder beim Caritasverband gemeldet und die St.-Elisabeth-Straßenambulanz aufgesucht haben, wo es um Hygiene und medizinische Fragen geht. Wenn von da das Okay kommt, werden die Gäste in eine Gästeliste eingetragen, die es ihnen erlaubt, am Abend eingelassen zu werden. An diesem Abend sind es 24 Männer und drei Frauen, die dieses Angebot annehmen. 

Die Atmosphäre ist freundlich und heiter. Viele kennen mich vom Franziskustreff. Wer mich nicht kennt, wird von den Kollegen darauf hingewiesen, dass da heute ein Kapuzinerbruder mit dabei ist. Zeit für Gespräche ist an diesem Abend wenig. Später gibt es bei den Frauen einen Konflikt zu schlichten und bei den Männern behauptet einer recht laut, er habe immer diese eine Stelle zum Schlafen gehabt. Der hauptamtliche Helfer kennt solche Auseinandersetzungen; als Neuling stehe ich eher dabei, als dass ich eingreifen muss. 

Ich bewundere die Ruhe, mit der diese Aufregung angegangen wird und schließlich auch beruhigt werden kann: Jeder muss auf den anderen Rücksicht nehmen, jeder und jede ist an diesem Abend in der gleichen Situation, alle sind mit verantwortlich, dass diese nächtliche Gemeinschaft bietet, wozu sie eingerichtet wurde, nämlich ein friedliches und sicheres Nachtlager.

Pünktlich um 22 Uhr werden die Lichter gelöscht, die letzten kommen noch vom Zähneputzen, ein Mobiltelefon klingelt und erinnert daran, dass nun alle nochmal nachsehen, dass es keine Störung gibt durch Anrufe in der Nacht. Fast hätte ich einen Nachtsegen gesprochen, aber das lasse ich jetzt und spreche leise für alle ein Nachtgebet.

 

Zwei nächtliche Kontrollgänge ums Haus

Übernachtung in der Cafeteria
Foto: kna-bild

Um 23 Uhr und um 0.30 Uhr erfolgt ein Rundgang um die Tagesstätte. Der Kontrollgang ist auch als Signal für die Nachbarn notwendig. Noch längst nicht alle haben sich daran gewöhnt, dass tagsüber wohnunglose Menschen kommen, geschweige denn, dass sie nun dort auch noch nächtigen. In dieser Nacht ist auch draußen alles ruhig. Sven, der Hauptamtliche, erzählt mir, dass dies nicht immer so ist. Wenn es gar nicht anders geht, muss auch schon mal die Polizei gerufen werden, was aber recht selten vorkommt.

Um 5 Uhr eine erste Bewegung im Schlafsaal, die sich nach Packen anhört. Grußlos verlässt einer der Männer den Raum und geht, kurz danach eine Frau. Vielleicht scheuen sie die allgemeine Aufbruchstimmung, die entsteht, wenn um 6 Uhr die Lichter aufflammen und die Schlafenden wecken.

Eine Stunde ist nun Zeit zur Morgentoilette und zum Packen der Sachen. Im Keller werden die grünen Kisten wieder aufeinandergestapelt, die Schlafmatten aufgerollt und zusammengestellt. Jede Kiste ist mit einem Namen beschriftet, ebenso jede Matte, ein schwacher Versuch, Privatsphäre zu wahren, aber dennoch ein wichtiges Signal an die Betroffenen. Um 7 Uhr verlassen die letzten Gäste den Übernachtungsraum. Viele gehen direkt zum nahen Franziskustreff im Kapuzinerkloster, wo sie mit einem reichhaltigen Frühstück erwartet werden. In der Bärenstraße heißt es nun, Tische stellen und Stühle, vorher fegen, die Toiletten durchsehen und alles so bereitstellen, dass der Morgenbetrieb um 9 Uhr wieder aufgenommen werden kann in der Tagesstätte. 

 

Mit Wohlwollen und mit klaren Regeln


Um 7.45 Uhr dann Ende der Nachtschicht. Unspektakulär und wohlgeordnet. Ich bin zufrieden, dass es sich als richtig erwiesen hat, die Erfahrungen des Lebens im Kloster in die Konzeption dieses Angebotes aufgenommen zu sehen: klare Regeln, persönliche Ansprache, Einladung an jeden persönlich, Wohlwollen üben. 

Die Winterübernachtung mag wenig nur an Hilfe für den Einzelnen sein. Eingebunden in die anderen Angebote, die der Franziskustreff macht und die anderen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe in Frankfurt, ist sie ein wichtiger Baustein, den Wohnungslosen zu zeigen, dass sie sich auf ihre Mitmenschen verlassen können, gerade im Winter.

Der Franziskustreff, sein Frühstückstisch und die soziale Beratung kann nun auch dank unseres Kooperationspartners diese Winterübernachtung für seine Gäste anbieten. Ohne die vielen Wohltäterinnen und Wohltäter, die für die Menschen in Not spenden, könnten wir uns dort nicht so engagieren.

Von Paulus Terwitte