28.03.2012

Kommentar

Ein dummer Spruch

Von Roland Juchem

Es gibt sie wie Sand am Meer: die Fatwas, religiös begründete Rechtsgutachten islamischer Theologen. Auf Anfrage von Gläubigen nehmen sie Stellung zu diesen und jenen Fragen. Die Geltung einer Fatwa hängt jedoch ab von der Autorität ihres Gutachters, des Muftis. Die Fatwa eines Dorfmuftis zu einem Nachbarschaftsstreit gilt weniger als die Fatwa eines Großmuftis.

Besondere Autorität haben die Großmuftis Saudi-Arabiens, quasi dem heiligen Land der Muslime, und von der Al-Azhar-Universität in Kairo. Die gilt traditionell als höchste Lehrautorität des sunnitischen Islam. Allerdings ist islamische Lehrautorität – ähnlich wie im Judentum – nicht so klar geregelt wie etwa in der katholischen Kirche.

All das muss man im Hinterkopf behalten, wenn man von einer jüngsten Fatwa des saudi-arabischen Großmuftis Abd al-Aziz Ibn Abdullah Al asch-Schaich liest. Abgeordnete aus Kuwait, das auf der arabischen Halbinsel liegt, hatten ihn gefragt, ob in ihrem Land neue Kirchen gebaut werden dürften. Der Großmufti sagte nicht nur Nein, sondern fügte hinzu, bestehende Kirchen auf der Arabischen Halbinsel – in Kuwait, den Emiraten, im Oman – sollten zerstört werden.

Wenn der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz dazu „Besorgnis und großes Befremden“ äußert, formuliert er seine Kritik so scharf, wie das auf diplomatischer Ebene möglich ist. Denn der Rechtsspruch des Großmuftis verschärft ohnehin bestehende Spannungen zwischen Muslimen und Christen. Etwa in Ägypten: Dort streiten radikal-islamistische Gruppen und gemäßigte und aufgeklärte Muslime mit den Christen um die weitere Entwicklung des Landes.

Dabei gibt es auf der Arabischen Halbinsel selbst auch ganz andere Tendenzen. In den Emiraten wurden in den vergangenen Jahren nicht nur Kirchen gebaut. Auch Universitäten nach westlichem Standard und mit internationalem Lehrkörper wurden gegründet. Sogar in Saudi-Arabien selbst. Und dorthin zieht es große Teile der Jugend, da von diesen Orten der Aufklärung auch im Land des Propheten Modernisierung ausgeht.

Die Fatwa des Großmuftis ist dumm und gefährlich. Und sie ist ein weiteres Indiz für die Zerrissenheit der islamischen Welt und ihr Ringen zwischen religiöser Tradition und wirtschaftlich-wissenschaftlicher Moderne sowie um individuelle Freiheit und islamische Identiät. In dieser Situation kann der Westen nur konsequent auf Religionsfreiheit bei uns wie dort pochen und sie selbst möglichst glaubwürdig vorleben.