17.03.2013

Wer ohne Sünde ist...

Du bist schuldig! Oder nicht?

Heute finden öffentliche Steinigungen als Medienspektakel statt. Steinewerfer und Gaffer verdrängen dabei oft die eigene Unzulänglichkeit.

Er war beliebt, alles lief gut. Nach einigen Startschwierigkeiten hatte er sich gut in die neue Aufgabe eingefunden. Anfängliche Skeptiker waren verstummt, er hatte sie überzeugen können, dass er der Bessere für dieses Amt war. Abgesehen von einigen alten Fehlern vielleicht ging also alles seinen Gang. Bis der erste Stein flog. Woher der genau kam, lässt sich schwer sagen. Doch auf den ersten Stein folgte ein zweiter, ein dritter. Schließlich waren es so viele aus allen erdenklichen Richtungen, dass er die Kontrolle verlor und in die Knie gezwungen wurde. Fehler der Vergangenheit holten ihn ein. Er gab auf. „Er“: Das könnte Bischof Walter Mixa sein, der das Bischofsamt in Augsburg niederlegte, über den es Gerüchte über Alkoholmissbrauch gab und dem vorgeworfen wurde, Kinder geschlagen zu haben.

Öffentliche Sünder

Es könnte auch Annette Schavan sein, die nach Plagiatsvorwürfen nicht nur ihren Doktortitel, sondern auch das Amt der Bildungsministerin verlor. Oder Christian Wulff, der über seine privaten und geschäftlichen Finanzen stolperte, geradewegs aus dem Amt des Bundespräsidenten hinaus.
Es ist auch jene Sünderin, die im Ehebruch lebte und deshalb von der Menge gesteinigt werden sollte. Sie alle hatten Fehler gemacht, Schuld auf sich geladen und mussten die Konsequenzen tragen. Denn ein Vergehen zieht automatisch eine Strafe nach sich.

Das ist nur gerecht, befinden Staat, Öffentlichkeit, die eigene moralische Vorstellung. Deshalb gibt es ein Strafgesetzbuch und kritische Medienberichterstatter. Das System ist gut durchdacht – und doch bereitet es oft ein schlechtes Gewissen. Deutlich wird dies immer dann, wenn der Strudel der Anklagen und Verurteilungen durchbrochen wird. Wenn einer kommt und das Augenmerk weg vom Beschuldigten hin zu den Anschuldigern richtet. So zeigen die Vorgänge um Alt-Bundespräsident Christian Wulff, wie einfach es ist, den ersten Stein zu schmeißen. „Es ist eine Art Schnellgericht, das zumindest ein Teil der Medienlandschaft abhält, bei dem die Frage, ob die Vorwürfe gegen Wulff überhaupt justiziabel sind, allerdings keine Rolle spielt: Es geht ausschließlich um Moral“, schreibt der Journalist Michael Götschenberg.

Steinewerfer, die selbst nicht untadelig sind

In seinem Buch „Der böse Wulff?“ schildert er die Amtszeit des Bundespräsidenten und die Vorgänge, die zu seinem Rücktritt führten. Und er macht deutlich, dass die Steinewerfer selbst nicht ganz frei von jenen Vorgängen sind, die sie Wulff vorwarfen.

Wer Moral predigt und es anprangert, wenn sie fehlt, sollte selbst nach diesen Maßstäben leben, schreibt Götschenberg: „Hinzu kommt, dass die Medienbranche selbst ein erhebliches Maß derselben Schnäppchenmentalität aufweist, die Wulff in den Wochen der Krise zum Vorwurf gemacht wird. Nur vereinzelt wird thematisiert, dass keine Branche so viele Rabatte bekommt und in Anspruch nimmt, wie die Medien selbst: Ob beim Autokauf, bei Flugbuchungen, beim Museumseintritt oder beim Zoobesuch – Journalisten bekommen Rabatte, über die öffentlich möglichst geschwiegen wird, um nicht den Neid der Zeitgenossen zu provozieren.“

Nicht nur aus den eigenen Reihen kam Kritik, sondern auch die umstehende Masse, die gaffend der öffentlichen Steinigung Wulffs beiwohnte, beschlich ein mulmiges Gefühl. Viele Unternehmen strichen Rabatte für Journalisten, etwa Bahn und Telekom. Leserbriefe und Kommentare auf Internetseiten wurden kritischer: „Ich staune, wie sicher sich einige darüber sind, was eigentlich geschehen ist! Ich bin mir nicht ganz so sicher – möchte auch nicht so eifrig und schnell Verurteilungen aussprechen“, lautete ein Kommentar eines Lesers auf Spiegel-Online.

Wer ist wirklich ohne Fehler?

Ähnlich reagierte die Öffentlichkeit bei den Plagiatsvorwürfen gegen Annette Schavan. Was bei Karl Theodor zu Guttenberg noch als Fortschritt und absolute Transparenz gelobt worden war, fand bei Schavan nur zögerlich Zustimmung. Besonders der selbst ernannte Plagiatsjäger Martin Heidingsfelder stand plötzlich in der Kritik. Er hatte die Doktorarbeit von Schavan auf Fehler hin untersucht – und diese auch gefunden. Ein Kommentar zu einem Zeitungsinterview lautete: „Herr Heidingsfelder, haben Sie bei Ihrer Diplomarbeit die gleichen Maßstäbe angesetzt wie bei Ihren Opfern? Nehmen sie nur Leute ins Team auf, die wirklich lupenrein sind? Schön, dass Medien und Ähnliche auf sie reinfallen!“ Ein anderer Nutzer schrieb: „Ein Armutszeugnis, sich auf Kosten anderer eine goldene Nase zu verdienen. Wer nicht selbst ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein.“

Das Steinewerfen macht trotz allem Spaß, so scheint es. Aber warum werfen wir weiter mit Verurteilungen um uns, wenn wir uns unserer eigenen Schuld eigentlich doch bewusst sind? „Wir wollen unsere Umwelt nicht nur verstehen, sondern sie auch beherrschen. Und je mehr alles im Lot ist – also so, wie wir die Welt haben wollen –, desto besser fühlen wir uns“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach. Da ist es verständlicherweise zunächst bequemer, die Welt dort verändern zu wollen, wo wir uns selbst nicht verändern müssen. Dieses Verhalten führt dann dazu, dass Steine zu Lawinen werden, Gerüchte zu Anschuldigungen und Verurteilungen zu Verleumdungen. Das gilt nicht nur für große öffentliche Skandale und die Medien. „Der überwiegende Teil der Medien macht zunächst einmal seine Arbeit“, hält Journalist Götschenberg am Beispiel Wulff fest. Und diese Arbeit besteht darin, die Öffentlichkeit möglichst neutral zu informieren.

Von der Information zum Urteil

Fehlverhalten soll dabei auch angeprangert werden. Konsequenzen des Fehlverhaltens dürfen nicht bagatellisiert und moralische Werte nicht ausgehebelt werden. Nicht jedem ist es in so einem Fall dann gegeben, hinter die Dinge zu blicken und aufgrund eigener Schuld auf die Verurteilung anderer zu verzichten. Ob jedoch aus jeder Information über menschliche Schuld sofort eine „Causa“ Mixa, Schavan oder Wulff wird, hängt auch davon ab, wie gerne sich die Menschen am Schauspiel einer öffentlichen Steinigung ergötzen.

Regina Maria Frey