17.02.2015

Fluten hinterlassen Spuren - in der Bibel und an Indiens Südküste

Der neue Bund in Indien

Nie wieder solle eine Flut alles Leben vernichten, heißt es im Buch Genesis. Große Fluten gab es aber immer wieder. Sie haben Leben vernichtet und neuem Leben zum Durchbruch verholfen. Davon erzählen auch Menschen in zwei indischen Fischerdörfern.

Ein Wald gegen Wind und Wasserfluten: Zigtausende Bäumen haben die Menschen an Keralas Küste gepflanzt. Foto: Roland Juchem

„Als die Flut in unser Dorf kam, wollte ich mein Baby auf das Dach unseres Hauses werfen“, erzählt eine Frau, während sie mit 20 anderen auf dem blankgeputzten Steinboden der Kirche sitzt. „Aber noch während das Wasser in unser Haus eindrang, hörte es auf zu steigen.“ Heute spielt der damals zehn Monate alte Junge vor der Kirche Fußball. Glück gehabt?

Die Worte Glück oder Zufall nehmen die Menschen hier in Colachel weniger in den Mund. Sie sprechen durchaus davon, dass sie gerettet wurden. Damals, am 26. Dezember 2004, als der Tsunami im Indischen Ozean die südöstliche Küste des Subkontinents verwüstete, auch das Fischerdorf südlich der Großstadt Nagercoil.

In Indien wussten sie zwar, was der wirbelnde Sturm eines Zyklons anrichten kann, wie viel der Monsunregen unter Wasser setzen kann. Aber kaum jemand wusste, was ein Tsunami ist. Jene haushohe Welle, die aus heiterem Himmel kommt und alles niederwalzt. Heute weiß das hier jedes Kind.

In Kollam, an der Südwestküste hätten sie sicher sein sollen vor der großen Flut, die damals aus dem Osten heranrollte. Sie waren es nicht. Wie Licht in einem Prisma brachen sich die Wellen an der Südspitze des Subkontinents und überschwemmten auch die Küste Keralas. Nicht mit derselben Wucht wie in Tamil Nadu an der Ostküste, aber es war schlimm genug.

 

Aus grauem Schlamm wuchsen bunte Häuser

Stolze Besitzer: Eine Familie vor ihrem neuen
Haus in Kollam/Kerala. Foto: Roland Juchem

„Der Tsunami hat nicht nur Dörfer verwüstet, sondern auch Seelen“, sagt Cornelius Mendes. Der 70-Jährige, Mitarbeiter der örtlichen Caritas, hat damals mit Kolleginnen wochenlang fast 800 Familien betreut, die auf dem Gelände der Kirche von Kollam in Hütten und Schulungsräumen campiert haben. „Viele entwickelten Traumata“, erzählt Mendes, „besonders bei jungen Menschen, die ihre Eltern verloren hatten, stieg die Suizidrate.“ Die Flut hatte ihre Lebensgrundlage vernichtet, so dass sie kein Einkommen mehr hatten. Schulden, die schon vorher da waren, stiegen weiter. Und zu der Angst vor dem plötzlich so unberechenbaren Meer kam die Angst vor langer und großer Armut.


Der neue Bund, den Mendes und andere Caritasmitarbeiter den Tsunami-Opfern mit Hilfe von Spenden- und Regierungsgeldern anboten, beinhaltete deshalb auch die Möglichkeit einer Traumatherapie. Nicht alle nahmen sie in Anspruch, aber etlichen half sie doch.

Im Versammlungsraum des Dorfes Thanni, das mit Hilfe der örtlichen Caritas neu aufgebaut worden ist, berichten Bewohner davon, wie sich ihr Leben verändert hat – nach der großen Flut. Was sie berichten, ließe sich so zusammenfassen: „Hilf dir selbst – und deinem Nächsten –, dann hilft euch Gott.“

Aus der grauen Schlammwüste, die der Tsunami hinterließ, erwuchsen neue Häuser – in nahezu allen Farben des Regenbogens: senfgelb, türkis, hellblau, pink …  Sie bieten einen Flur, ein Bad, eine Küche und zwei Schlafzimmer. Damit das so schön bleibt, haben die Behörden gleich klargemacht, dass die Häuser den Menschen gehören“, sagt Mendes. „Wenn irgendetwas damit ist, müssen sich die Besitzer selbst drum kümmern.“

Außerdem gibt es neue Boote, neue Brücken als Rettungswege ins Hinterland; der Strand wurde mit Tausenden spezieller Bäume aufgeforstet. „Kattody“ heißen sie – auf Deutsch: Stopp den Wind. Ein bisschen sehen sie aus wie Kiefern mit längeren und stärker verzweigten Nadeln. Sogar die schwerfälligen Behörden haben reagiert: Die Regierung von Kerala hat nun eine eigene Abteilung für Katastrophenhilfe. Alle ein bis zwei Monate halten Selbsthilfegruppen in den Dörfern Übungen ab – für den Fall …

Große Fluten hinterlassen tiefe Spuren in der Seele der Menschen. In Südindien, Indonesien, Sri Lanka und Thailand ist das nach dem 26. Dezember 2004 nicht anders als in Hamburg nach dem 16./17. Februar 1962 oder zuletzt in Japan nach dem 11. März 2011.  Ebenso in der Menschheitsgeschichte: Die Erzählung von Noach und seiner Familie ist eine solche; an ihrem Ende erneuert Gott seinen Bund mit den Menschen. Andere Kulturen auf fast allen Erdteilen erzählen von Fluten, aus denen oft eine neue Welt entstand.

 

Ihre Kirche haben die Menschen selbst bezahlt

In gewisser Weise trifft das auch auf Südindiens Küstendörfer zu. „Die Flut hat uns alle gleichgemacht“, meint eine andere Frau in der Kirche von Colachel. „Vorher hatten wir alle sehr unterschiedliche Häuser, heute sind sie sehr ähnlich.“ Vorher besaßen einige sehr viel, andere sehr wenig. Heute teilen sich mehrere Familien ein Boot; früher schufteten oft mehrere für einen Bootsbesitzer.


„Es ist ein neues Lebensgefühl“, sagt die Frau, „mehr Platz, mehr Privatsphäre und gleichzeitig neue Nachbarschaften.“ Wobei – ganz gleich ist hier nicht alles. Wie schon in Kollam hat sich schnell gezeigt, wer den Neuanfang nutzt und wer nicht. Alle hier in Colachel haben sie ein neues Haus bekommen, doch während die einen Bauten schon wieder grau verwittern, strahlen andere in frischen Farben.

Vor gut einem halben Jahr ist auch ihre neue Kirche fertig geworden. 8,5 Millionen Rupien hat sie gekostet, rund 120 000 Euro – finanziert von den Menschen hier. Auch sie wirkt ein bisschen wie das Zeichen eines neuen Bundes. Die farbigen Fenster entlang der Seitenwände zeigen Szenen aus dem Leben Jesu, darunter sehr viele am See Gennesaret. Der Gottessohn unter Fischern ist den Christen an Indiens Küsten besonders nah. Auch dann, wenn mal wieder eine Flut kommen sollte. Dass dabei nicht „alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der Flut ausgerottet werden“, auf dieses Versprechen wollen sie dabei setzen.

Von Roland Juchem