20.11.2013

Eine kleine Geschichte von letzter Reue und königlicher Größe

Der „Last-Minute-Heilige"

Christen haben mitunter seltsame Ansichten. Da feiern sie ein Fest für ihren König und hören dazu eine Geschichte, in der drei Delinquenten sich unterhalten, während sie mit dem Tod ringen. So an diesem Sonntag, an dem es auch noch um Reue in letzter Minute geht.

Könige kommen in der Bibel nicht gut weg. Etliche Bücher des Alten Testaments schildern im Grunde nur, wie Könige gescheitert sind – weil sie ungerecht waren und weil sie nicht anerkannten, dass über ihnen Gott steht, der wahre Herrscher der Welt. Im Neuen Testament spricht Jesus eher pragmatisch und nüchtern über Könige: Sie herrschen, beuten aus, fordern Rechenschaft oder Geld.
Wenn dann aber – mehr oder weniger direkt – von Jesus selbst als König die Rede ist, fallen so merkwürdige Sätze wie: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ So im Matthäusevangelium am Christkönigssonntag im Lesejahr A. Im Lesejahr B hören wir aus dem Johannesevangelium von einem Königtum, das „nicht von hier“ ist. Und auf Pilatus’ Nachfrage fügt Jesus hinzu: „Ich bin ein König … geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.“

Der Patron der zum Tode Verurteilten

An diesem Christkönigssonntag im Lesejahr C sagt Jesus einem der Verbrecher, die mit ihm hingerichtet werden: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Lässt sich daraus ein Fazit ziehen, quasi ein christliches Anforderungsprofil für Könige? Eindeutig ja. Erstens: Ein großer König kümmert sich um Geringe und Schwache. Zweitens: Ein echter König sagt die Wahrheit und bezeugt, was wahr ist. Drittens: Ein machtvoller König vergibt, tröstet und verspricht, dass alles gut wird – und zwar wirklich
gut und endgültig. Übrigens scheinen derartige Erwartungen mitzuschwingen in dem, was Menschen heute von glaubwürdigen Führungspersönlichkeiten erwarten.
„Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“, sagt Jesus. Der, dem er das verspricht – der sogenannte „gute Schächer“ –, erhielt irgendwann im 4. Jahrhundert den Namen Dismas. Damit wurde der Mensch identifizierbar, der buchstäblich in letzter Minute bereut, der um Vergebung bittet und deshalb getröstet wird. Deshalb galt Dismas bald als Patron der zum Tode Verurteilten, Gefangenen und Totengräber – auch wenn er nie offiziell heiliggesprochen wurde.
Dismas – eventuell vom griechischen Wort „dysme“ für „Sonnenuntergang, Ende“ – ist also auch einer dieser Letzten, von denen Jesus öfter gesprochen hat. Einer jener Letzten, die Erste sein werden.

Hat Jesus denn sein Versprechen gehalten?

Seltsamerweise scheint sich die westliche Christenheit nie gefagt zu haben, ob die Zusage Jesu eingehalten wurde. Vom guten Schächer gibt es im Westen nur Bilder, in denen er mit Jesus und dem anderen am Kreuz hängt. Allenfalls kümmern in manchen Darstellungen sich kleine Engel um Dismas’ Seele, während die Seele des anderen Schächers von einem Teufelchen fortgetragen wird: putzig anmutende Bildchen für endgültige Lebensschicksale.
Anders in der östlichen Christenheit. Nicht, dass deren Theologen hätten nachforschen können, ob Dismas angekommen sei im Paradies. Dennoch haben ostkirchliche Ikonenmaler dargestellt, wie man es sich vorstellen könnte, was Jesus dem sterbenden Dismas verspricht. So zeigen ihre Bilder Dismas mit Lendenschurz und Kreuz im Paradies. Als letzter der alttestamentlichen Heiligen steht er am Tor des Paradieses – wir würden sagen: am Himmelstor – und begrüßt die ersten christlichen Heiligen.
Neben ihm der Stammvater Abraham, in dessen Schoß die Seelen anderer Menschen zu sehen sind, die schon in Gemeinschaft mit Gott leben, Mose, andere Propheten und diverse Engel. Derweil formiert  sich vor dem Tor des Paradieses der Zug der christlichen Heiligen.
Und was wurde aus dem anderen Schächer, dem vermeintlich reulosen, von der Tradition Gesmas genannt? Die Bibel sagt über ihn weiter nichts. Eine mögliche Antwort versuchte der evangelische Theologe Uwe Birnstein vor einigen Jahren in einem fiktiven Interview mit Gesmas. Darin entgegnet Gesmas dem Interviewer: „Glauben Sie denn wirklich, das Geschehen auf Golgata sei einfach an mir abgeprallt?“ Und er fährt fort: „Nachdem Jesus Dismas das Paradies verheißen hatte, wandte er den Kopf zu mir. Sein Blick traf mein Innerstes. Ich fühlte mich erkannt – bis in den dunkelsten Winkel meiner Seele. Sein Blick fragte – und antwortete zugleich. Er klagte mich nicht an wegen meines ironischen Spruches. In einem Moment war alles gesagt, gefragt und beantwortet.“
Auch die unausgesprochene Frage Jesu, ob er sich dem Höheren, dem Göttlichen füge. „Ob ich anerkenne, dass mich eine höhere Macht richtet als die römischen Besatzer. Im Angesicht dieses gekreuzigten Jesus wurde mir meine Überheblichkeit bewusst.“ – „Bemerkenswert“, sagt Birnstein, „also sind auch Sie mit Jesus und Dismas ins Himmelreich aufgenommen worden?“ – „Ja“, antwortet Gemas, „Jesu Gnade war groß genug.“
Roland Juchem