18.06.2014

Notfallkoffer, Schatzkisten oder Trauerportale sollen Kindern und Jugendlichen Trost spenden

Damit die Trauer rauskommt

In früheren Zeiten war der Tod ein Teil des Alltags, trauern eine Sache der Gemeinschaft. Heute sind viele sprachlos oder bitten in Traueranzeigen darum, von Beileidsbekundungen am Grab abzusehen. Wie können Kinder und Jugendliche den Umgang mit Tod und Trauer erlernen?

 

Auch eine Form der Trauer: Die Teilnehmer eines Trauermarsches für die Opfer des Loveparade-Unglücks lassen im Juli 2010 im Duisburger Stadtpark Luftballons für die Opfer steigen. Foto: kna-bild

„Warum?“, steht auf dem faustgroßen Stein geschrieben. Daneben brennt eine Kerze. Auf einem violetten Tuch liegen Stifte und Zettel. Sanfte Musik erklingt. „Wenn sich im Sozialraum Schule ein Todesfall ereignet, versuchen wir das Geschehen mit den Schülern aufzuarbeiten“, sagt Albert Weinreuter, Konrektor an der Leintal-Realschule im schwäbischen Schwaigern.


Nach dem Amoklauf 2009 im nahen Winnenden wurde in der Schule eine Trauerecke aufgebaut. Viele Schüler nutzten damals die Möglichkeit, ihre Gedanken und Gefühle aufzuschreiben. Zudem packte der katholische Religionslehrer nach dem Ereignis einen Notfallkoffer. Er enthält neben Kerze und Stein Impulstexte, Anregungen zum Einstieg in Beileidsbriefe, ein Kreuz und eine Musik-CD. „Ich habe im Unterricht etliche Stücke vorgestellt und die Schüler gefragt: ,Welches Lied würde euch trösten, wenn jemand gestorben ist?‘“, berichtet der Pädagoge. Am Ende blieben 15 Lieder, darunter „Der Weg“ von Herbert Grönemeyer, Eric Claptons „Tears in Heaven“ und „Es ist vorbei“ von Rosenstolz.

Manchmal stehen Schüler tagelang unter Schock


Zum Glück sei der Koffer noch nicht zum Einsatz gekommen, weil ein Schüler verstarb. Aber es gab Todesfälle von Eltern. „Da waren die Mitschüler manchmal so schockiert, dass es Tage brauchte, ehe sie sich gefangen hatten“, erinnert sich Weinreuter. Gedenkstunden im Klassenverband hätten ihnen ermöglicht, ihre Trauer persönlich oder in Briefen an die Familie auszudrücken. Auf Wunsch gehen die Schüler mit zur Beerdigung. Dadurch finde ihre Trauer einen würdigen Abschluss.


„Genauso wie Eltern in anderen Bereichen Vorbild sind, lernen Kinder auch den Umgang mit Tod und Trauer am Modell“, ist  Beate Alefeld-Gerges vom Zentrum für trauernde Kinder und Jugendliche „Trauerland Bremen“ überzeugt. Oft würden sie aber nicht mehr zu Beerdigungen mitgenommen. „Damit nimmt man ihnen eine wichtige Chance, Abschied zu nehmen.“


Die Expertin rät, Kindern vorweg den Ablauf der Trauerzeremonie zu erklären. Bei der Beerdigung sollten sie eine Begleitung haben – am besten jemanden, der nicht so stark betroffen ist. Kleinere Kinder könnten Bilder malen, die mit ins Grab gelegt werden, Jugendliche in die Planung der Feier einbezogen werden. In der Trauerphase danach helfe zum Beispiel eine Schatztruhe mit Fotos und anderen Erinnerungsstücken; sie könne bei Bedarf geöffnet werden, um sich dem Verstorbenen nahe zu fühlen oder um ins Gespräch zu kommen.

Jugendliche trauern auf sehr kreative Art und Weise


Jugendliche trauern „sehr kreativ“, sagt Thomas Renze, Jugendpfarrer im Bistum Fulda. „Zwar trifft sie der Tod eines Nahestehenden oft mit brachialer Gewalt, doch sie finden Trost in ihren bekannten Lebenskontexten.“ Das seien zuerst der beste Freund oder die beste Freundin und an zweiter Stelle das Internet. „Genauso wie sie in sozialen Netzwerken ihren Alltag bearbeiten, tun sie das mit ihrer Trauer.“ Manche schrieben sich den Frust von der Seele, andere stellten Erinnerungsvideos ins Netz. Und bei der Beerdigung selbst stiegen manchmal weiße Luftballons gen Himmel oder es wanderten Teddys, Kettchen oder Fotos mit ins Grab. Der Theologe: „Das alles sind moderne Formen, die helfen, der Trauer Ausdruck zu verleihen und auf jugendgerechte Weise zu zeigen: Der Verstorbene ist in unserer Mitte, wir denken an ihn.“


Dass Bedarf besteht, mit Trauer digital umzugehen, davon ist Nobert Lepping vom Seelsorgeamt des Bistums Essen überzeugt. Vor zehn Jahren wurde dort das Portal „Trauerraum.de“ eingerichtet. Hier können Nutzer anonym ihre Trauer verarbeiten, Kerzen anzünden, Briefe an Verstorbene verfassen, einen Gedenkstein beschriften oder E-Mail-Kontakt zu einem Seelsorger suchen. Die Einträge werden nach etwa zwei Monaten gelöscht. Lepping: „Wir wollten kein virtuelles Ewigkeitsgrab schaffen, sondern meinten schon damals, dass das Internet ruhig mal was vergessen darf.“

 

Service

Eine „BeileidsApp“ hat der Bestatter Sascha Bovensmann  aus Schwerte entwickelt. Unter http://app.bovensmann.com finden sich zum Beispiel Hilfen zur Formulierung von Kondolenzschreiben. Der Experte ermuntert dazu, am Grab Beileidswünsche zuzulassen. „Man lädt ja auch nicht Gäste zum Geburtstag ein und verbietet ihnen zu gratulieren“, sagt er. Wer am Grab sein Beileid ausdrücke, könne bei der nächsten Begegnung zwangloser auf den Trauernden zugehen. Sonst stehe das nicht persönlich ausgesprochene Beileid immer noch im Raum und führe womöglich dazu, aus Unsicherheit den Kontakt zu vermeiden.

 

Von Heike Sieg-Hövelmann