23.03.2012

Kommentar

Christliche Staatsspitze

Von Ulrich Waschki

Ein ehemaliger evangelischer Pfarrer ist neuer Bundespräsident Mit Joachim Gauck und der Pfarrerstochter Angela Merkel bekleiden ostdeutsche Protestanten zwei der höchsten Ämter in Deutschland. Wer jetzt aber die Republik evangelisch werden sieht, irrt.
Zwei Menschen aus einem ostdeutschen evangelischen Pfarrhaus in Spitzenpositionen – das ist in erster Linie Ergebnis einer historischen Entwicklung. Ein Zeichen, dass die alte Bundesrepublik und die ehemalige DDR doch besser zusammengewachsen sind, als wir das manchmal vermuten. Zwei Ostdeutsche an der Spitze des Staates. Wer hätte das noch vor einigen Jahren gedacht? Dass es sich um eine Pfarrerstochter und einen Pfarrer handelt, ist ebenfalls kein Zufall. Die Kirchen waren in der DDR nun einmal der einzige Raum der Freiheit. Nur hier konnten Menschen freie Rede und Argumentation lernen. Die Freiheit ist das gemeinsame Lebensthema von Gauck und Merkel. Ebenso wie die Verantwortung, die andere Seite der Freiheit.
Es müssen große Verlustängste sein, die einige Kommentatoren zu der bangen Frage bringen, wo denn angesichts des evangelischen Überhangs der politische Katholizismus bleibe. Die Zeit, in der die CDU die nahezu einzige Vertreterin katholischer Wähler war, ist nun einmal vorbei. Die rheinisch-katholische CDU und Republik sind Geschichte. Für Kirche, Partei und manchen Politiker ist das ein schmerzhafter und noch nicht abgeschlossener Lösungsprozess.
Doch damit haben sich Katholiken nicht aus der Politik verabschiedet. Sie sitzen nur nicht mehr wie selbstverständlich in den Vorstandssesseln der CDU, wie Politiker wie SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles oder der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann zeigen.
Wir Katholiken sollten uns freuen, dass mit Gauck, Merkel und dem Katholiken Norbert Lammert als Bundestagspräsidenten gleich drei bekennende Christen an der Spitze unseres Staates stehen. Auch wenn sie ihren Glauben unterschiedlich laut bekennen. Und in mancher konkreten Frage anders abstimmen, als viele Christen das erwarten. Aus dem christlichen Glauben heraus sind häufig eben verschiedene Lösungen möglich.
Wichtig ist aber, dass Menschen ihr Christentum nicht nur in Gebet und Gottesdienst, sondern auch im gesellschaftlichen Engagement leben. Dass die Zahl dieser bekennenden Christen zumindest nicht sinkt, daran sollten wir arbeiten. Unabhängig von der Konfession.