03.06.2015

QR-Codes auf Grabsteinen

Bis in die digitale Ewigkeit

Trauerportale im Internet sind nicht neu. Doch einige Steinmetze wie Andreas Rosenkranz gehen jetzt den nächsten Schritt: Ein grafischer Code am Grabstein kann mit der Handykamera gelesen werden und führt direkt zum Totengedenken ins Netz.

Die Grabsteine auf dem Friedhof sind oft die letzte Erinnerung an den Verstorbenen.Mit einem QR-Code, wie von Steinmetz Andreas Rosenkranz versehen, können sie am Ende auf Internetseiten führen, die viel über den Verstorbenen erzählen. Foto: Anna Eckart

Gottfried Tempel wurde 82 Jahre alt und seine große Liebe war Adelheit. Er war Bäcker in Köln. Und als kurz nach dem Krieg das Mehl knapp war, streckte er den Teig mit geriebenen Kartoffeln. So konnten mehr Brote gebacken werden. Wie er den Krieg erlebte und sich später mit seiner Adelheit an seinen Enkeln erfreute, all das erzählt sein Grabstein. Denn der trägt nicht nur seinen Namen und die Lebensdaten, sondern auch einen speziellen Code, der direkt auf eine Gedenkseite im Internet führt. Seine Familie hatte sich nach dem Tod von Bäcker Gottfried für eine Gedenkseite entschieden, um mehr von seinem Leben zu erzählen.

Eigentlich sieht man sie eher auf Onlinefahrkarten der Deutschen Bahn, an Bushaltestellen oder in der Werbung: die quadratischen, schwarz-weißen Pixelmuster, QR-Codes genannt. Der Name „QR“ steht für „Quick-Responce“, also „schnelle Antwort“. Der Code wird in einem Programm auf dem Smartphone mit der Kamera eingescannt und führt auf eine gestaltete Seite ins Internet. 

Einige Steinmetzmeister wie Andreas Rosenkranz aus Köln bieten inzwischen auch Grabsteine mit „Internetverbindung“ an. Wer sein Mobilgerät auf einen solchen Grabstein-Code richtet, bekommt mehr Informationen über den Verstorbenen. „Entweder es erscheint ein Text oder ein Wikipedia-Eintrag oder eine eigens eingerichtete Trauerseite mit Bildern, einem Gedenkbuch, einer virtuellen Kerze oder Gedichten über den lieben Angehörigen“, erklärt der 51-Jährige. Meistens haben die Verwandten und Freunde eine Gedenkseite für die Verstorbenen im Internet angelegt und gestaltet. So auch für den Bäcker Gottfried und seine Adelheit.

Das Pixelmuster am Grab – es zeigt Besuchern, dass da noch mehr ist, als nur der Name der Verstorbenen und die Daten ihrer Geburt und ihres Todes. „Die meisten Angehörigen wollen den Verstorbenen in den Vordergrund stellen. Zeigen, dass er etwas Besonderes war, und was er geleistet hat“, erklärt Andreas Rosenkranz seine Beobachtungen aus den letzten Jahren. Ob als Stele oder als Muster auf dem Grabstein selbst – die QR-Codes werden in seiner Firma „steinart“ nach den Wünschen der Angehörigen entworfen und anschließend eingegraviert. Es ist nach wie vor ein Stein „für die Ewigkeit“ – aber einer mit Internetanschluss.

 

In vielen Städten sind Codes auf Gräbern normal

QR-Codes auf Grabsteinen. Foto: Anna Eckart

Der gelernte Steinmetz und Bildhauer Andreas Rosenkranz war der Erste in Deutschland, der solche Codes in einen Grabstein gemeißelt hat. Anfang 2012 hat er für einen Wettbewerb ein Grabsteindesign mit integriertem Code entwickelt, kurze Zeit später kamen die ersten Kundenanfragen. „Es gibt einfach Bedarf“, sagt der wortgewandte Rheinländer, „denn in der heutigen Welt wird der Toten nicht mehr nur auf dem Friedhof gedacht – sondern eben auch immer mehr im Internet.“

Ursprünglich kommt der Trend  der digitalen Erinnerung mit den Codes aus Japan und ist über die USA bis nach Europa vorgedrungen. Was manche Kritiker als voyeuristisch und pietätlos abtun, ist heute auf vielen Friedhöfen Deutschlands normal: In Städten wie Regensburg, Berlin, München oder Stuttgart sind die quadratischen Pixelmuster auf Grabsteinen bereits erlaubt. In Bremen gibt es sogar eine Smartphone-App, die kulturell Interessierte über den Friedhof leitet. Sie hält Bilder und Texte über die berühmten Persönlichkeiten, die dort bestattet sind, bereit.

Immer mehr Städte erlauben die pixeligen Vierecke und viele Kommunen geben Handlungsempfehlungen –  doch letztendlich ist es eine reine Satzungsfrage. „Das dürfen die jeweiligen Städte und die Friedhofssatzungen frei entscheiden, Vorgaben gibt es da nicht“, sagt Andreas Rosenkranz. Die Inhalte der Codes ließen sich gegebenenfalls einmal bei der Genehmigung prüfen, eine dauerhafte Kontrolle sei aber nicht drin.

Der Kölner ist sich bewusst, dass sein Angebot die Geister spaltet. „Die Spontanen lehnen es sofort ab, die Überlegenden machen sich Gedanken, und die Begeisterten finden es gut.“ Er sieht in den QR-Codes eine Chance. Besonders wenn es um die immer seltener werden Friedhofsbesucher geht: „Viele wohnen zu weit weg und können nicht regelmäßig ans Grab ihrer Liebsten gehen. Durch die Codes und die Internetseite fühlt man sich trotzdem mit ihm verbunden. Wenn auch nur digital.“ Dabei gehe es nicht darum, den Verstorbenen „in Ewigkeit“ lebendig zu halten, betont Rosenkranz. „Es ist eine Möglichkeit, den Tod eines geliebten Menschen zu verarbeiten und beim Betrachter einen emotionalen Moment auszulösen.“

Die auf das Bestattungswesen spezialisierte Verbraucherinitiative Aeternitas kann sich mit QR-Codes auf Grabsteinen durchaus anfreunden. „Es hat einen Mehrwert für die Leute, die das Grab besuchen, weil es mehr Informationen zeigen kann“, sagt Aeternitas-Sprecher Alexander Helbach und rät: „Wenn jemand so etwas plant, sollte er sich in jedem Fall im Vorfeld bei der Friedhofsverwaltung erkundigen, ob der Entwurf genehmigt werden kann.“

 

Urnenbestattungen gibt es immer häufiger

Klar ist jedenfalls eines: Friedhöfe und Bestatter sind in der Krise. Immer weniger Menschen entscheiden sich für eine klassische Erdbestattung, die Friedhöfe verwaisen, der Trend geht zur Urnenbeisetzung. „Das ist ein Grund mehr, sich neuen Entwicklungen nicht zu versperren“, findet Helbach: „Der moderne Friedhof braucht eine neue Akzentuierung und Neuausrichtung.“ Gleichzeitig löse der QR-Code ein aktuelles Problem, sagt Steinmetz Rosenkranz. Weil der Trend zu Urnenbestattungen zunehme, schrumpfe auch die Größe des Grabsteins. Da sei der QR-Code eine gute Möglichkeit, um Platz für mehr Angaben zu haben als nur für den Namen und die Lebensdaten.

Bisher schreite die Entwicklung der schwarz-weißen Codes auf Gräbern noch langsam voran. Ungefähr 50 Codes stellt Andreas Rosenkranz im Jahr her. Im Internet eine Kerze „anzuzünden“ oder an einem Grab zu stehen – das seien eben völlig unterschiedliche Dinge. Gefahren mit den QR-Codes sehen viele Kritiker darin, die die Darstellung im World Wide Web mit sich bringt: vor allem dann, wenn auf eine Seite verlinkt wird, auf der Interaktion möglich ist. Stichwort Cybermobbing. „Wird der Verstorbene verunglimpft, fügt das den Trauernden Schmerzen hinzu,“ sagt der Steinmetz.

Auf seinen Erinnungsseiten kann das nicht passieren. Die bietet er neben dem eigentlichen Anfertigen des Grabsteins mit Pixelmuster ebenfalls an. Wer die Gedenkseite einsehen kann, entscheiden die Hinterbliebenen. Der Zugang könne durch ein Kennwort geschützt werden. Dann sei der Inhalt nur für denjenigen abrufbar, der das Passwort habe. Dennoch sollte sich jeder Gedanken machen, ob er das selbst auch wollte – einen QR-Code am Grab.

Selbstdarstellung auch noch über den Tod hinaus? Viele Seelsorger stehen in diesem Punkt den QR-Codes kritisch gegenüber. Denn Angehörige, die sich für eine Gedenkseite im Internet entscheiden, müssen ihre Daten und die des Verstorben schützen. Und das von Anfang an. Viele Hinterbliebene sind damit überfordert. Denn die kommen in einer extremen Stresssituation zu Bestattern und Steinmetzen wie Andreas Rosenkranz. „In kurzer Zeit müssen die Trauernden viele Entscheidungen treffen – zu Fragen, mit denen sie in der Regel bisher gar nicht konfrontiert waren.“

 

Der Friedhof als Ort der Lebenden und der Toten

Für den Kölner Steinmetz ist klar, dass sich die Frage nach der Totenruhe von allein beantwortet. Die dürfe durch die abrufbaren Internetseiten nicht gestört werden. Der QR-Code ist für ihn kein Ort der Identität, sondern eine andere Art von Trauerbearbeitung zwischen der realen und der virtuellen Welt. „Ich denke, dass die Internetinhalte dem Rahmen entsprechen sollten“, sagt Rosenkranz. „Der Friedhof ist ein Ort der Lebenden und der Toten. Und Leben bedeutet auch Lachen, Sprechen und Unterhaltung.“

In der Tat existieren inzwischen im Internet zahlreiche Trauerportale und auch auf Facebook-Seiten von Verstorbenen wird noch lange nach deren Tod an sie gedacht. Die Codes könnten dabei helfen, sagt Rosenkranz. „Und es ist ein freiwilliges Angebot. Man kann auf dem Friedhof einen Code mit einem Smartphone einlesen, man muss es aber nicht tun.“ In einem Punkt ist er sich ohnehin sicher: „Wer seine ewige Ruhe haben will, bleibt sowieso offline.“

Von Anna Eckart