11.04.2012

Schweizer Uni stellt Schriften der Kirchenväter kostenlos ins Netz

Aus dem Schatz der Urchristen

Wer zu den Wurzeln des Christentums möchte, sollte sich bei der Buchlektüre auch mal über Anselm Grün hinauswagen. Die Bibliothek der Kirchenväter verspricht spirituellen Tiefgang. Viele Mystiker haben von dieser Quelle gekostet.

 

 


 

 

Seit 2003 online: Die Schriften der alten Mystiker und Urchristen

Auch wenn die meisten Schriften, Predigten und Gedichte von beispielsweise Augustinus, Benedikt oder Tertullian (das ist der mit dem ewigen Höllenfeuer) vor hundert Jahren noch auf etlichen Nachttischen lagen, so sind sie heute doch zumeist längst vergriffen. In Zeiten von Amazon und Hugendubel, wo vor allem Masse und seltener Qualität zählt, drohen die Überlieferungen der Urchristen aus dem Bewusstsein der Menschen zu verschwinden. Wenn da nicht die rund 25 freiwilligen Helfer aus ganz Europa wären ...

Urberrechte abgelaufen!

Da die Urheberrechte der frühchristlichen Autoren längst abgelaufen sind, stellt die Universität Fribourg (Schweiz) seit 2003 mehr und mehr der kostbaren Schriften zur kostenlosen Nutzung ins Netz. In der mittlerweile mehrere Hundert Manuskripte umfassenden Bibliothek der Kirchenväter, kann man die Bücher entweder direkt im Internet durchschmökern oder die Schriften (die alle im RTF-Format vorliegen) ausdrucken oder einfach auf den Computer oder sein Tablet-PC laden und lesen.

Von Benedikt und Goldmund …

Nur einen Mauklick neben den Regeln des heiligen Benedikts finden sich beispielsweise die Werke von Chrysostomos. Der um 350 geborene, ehemalige Erzbischof von Konstantinopel gilt bis heute als einer der größten christlichen Prediger überhaupt. Sein Name Chrysostomos kommt übrigens aus dem Griechischen und heißt Goldmund. Neben Basilius dem Großen und Gregor von Nazianz ist er für die orthodoxen Ostkirchen einer der drei heiligen Hierarchen. Bekannt wurde er für seine spirituellen Einsichten, die er sich als Asket erwarb sowie durch sein offensives Auftreten gegen den Missbrauch kirchlicher Autorität. Umstritten sind allerdings seine massiv negativen Äußerungen über Juden. Auch das ist in der Bibliothek eindrucksvoll nachzulesen …

Meditation und Kontemplation als Weisungen der Väter

Da moderne Texterkennungs-Programme bei alten Schriften,
etwa Fraktur, oft nur fehlerhaft arbeiten, ist bei der
Digitalisierung auch Fleissarbeit nötig (Foto: Andreas Kaiser).

Im Internet erhalten sind auch die Schriften des heute zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Johannes Cassianus, kurz Cassian. Der Mann ist so etwas wie der Begründer der christlichen Meditation, des sogenannten Hesychasmus, des Ruhegebets. Empfehlenswert sind vor allem die „Collationes patrum“, eine Sammlung von Weisungen und Erfahrungen aus Cassians Gesprächen mit den Wüstenvätern; jenen Gottessuchern also, die sich ab dem 3. Jahrhundert als Einsiedler oder Mönche in der scythische Wüste zurückzogen.

Grundlage der Bibliothek der Kirchenväter im Internet bilden drei alte Textsammlungen, die zwischen 1831 und 1938 (in deutscher Übersetzung) im Kösel-Verlag erschienen sind. Dass die Arbeit der freiwilligen Helfer und der Uni Fribourg nicht vergebens ist, zeigen die Nutzungszahlen. 2007 verzeichneten die Betreiber der Seite rund 500.000 Zugriffe pro Monat. Bis zu 50.000 Bücher im RTF-Format werden monatlich gedownloaded. Bleibt nur zu hoffen, dass das eine oder andere Buch tatsächlich gelesen wird, und nicht wegen der im Netz so verbreiteten Sammelleidenschaft auf den privaten Rechner gezogen wird ...

Ihr Webreporter Andreas Kaiser