20.06.2013

Papst Franziskus 100 Tage im Amt

100 Tage Einsamkeit

Fragt man gut drei Monate nach der spektakulären Papstwahl deutsche Zeitgenossen, was ihnen zu Papst Franziskus einfällt, dann sind es meist die roten Schuhe, die er nicht trägt, die öffentlichen Verkehrsmittel, die er bevorzugt, oder der prunkvolle Palast, in dem er nicht wohnen will, weil er die hohen Hallen nicht mag. Es sind die «menschlichen» Züge des Neuen, die aufmerksam registriert werden.

Anders ist es mit der ersten politischen Bilanz im Papstamt. Aus der Ferne betrachtet sind in den ersten 100 Tagen offenbar keine Entscheidungen gefallen oder Sätze mitgeteilt worden, die das Zeug zur großen Schlagzeile hatten. Dass er eine internationale Kardinalskommission zur Kurienreform berufen hat; dass er die deutsche Kanzlerin trotz beginnenden Berliner Wahlkampfs empfing, dass er in Predigten den Karrierismus von Prälaten anprangert - all das machte über den Kreis der Kirchenkenner hinaus weniger bleibenden Eindruck.

Von größerer Wucht waren die Sätze des Papstes, die auf Umwegen aus dem Vatikan nach außen drangen. Dass er seinem Zeremonienmeister Guido Marini, einem Liebhaber konservativer Traditionen und Spitzenrochetts, schon am Tag der Wahl gesagt haben soll, dass nun «der Karneval vorbei» sei, wurde rings um den Erdball kolportiert, getwittert und kommentiert. Ob Franziskus diese Worte je gesagt hat, war dabei weniger wichtig.

Ähnlich heiß wurden die (authentischen) Sätze gehandelt, die er als Kardinal kurz vor dem Konklave über den krankhaften Zustand einer in Selbstreflexion erstarrten Kirche sagte. Seine eigenen Notizen von dieser «Brandrede» gab er dem kubanischen Kardinal Jaime Ortega, der sie wiederum ins Internet brachte, wo sie enorme Resonanz auslösten. Einen ähnlich verschlungenen Weg nahmen die Äußerungen über ein mögliches Schwulen-Netzwerk im Vatikan und seinen Reformwillen gegenüber der römischen Kurie. Auch hier landeten Protokollnotizen im Internet und sorgten weltweit für Wirbel.

Die Kombination einer authentischen und sympathischen Persönlichkeit mit einer irgendwie subversiv wirkenden Kommunikationsstrategie hat dazu beigetragen, dass die Gläubigen Franziskus als einen Papst wahrnehmen, der nicht von den Skandalen, den Reichtümern und Widersprüchlichkeiten der Römischen Kurie belastet ist. Zwischen sich und den vatikanischen Machtapparat hat er - auch durch die Wahl seines Wohnsitzes außerhalb des Palastes - eine beachtliche Distanz gelegt. Seine Popularität vor allem unter den Italienern und den Lateinamerikanern, die institutionalisierter Macht in der Regel misstrauen, hat das weiter gefördert. Die ihm zujubelnden Menschenmassen scheinen ihm Recht zu geben.

Der eigene Apparat hingegen scheint mit Franziskus zu fremdeln - so wie er umgekehrt mit ihm. Alle Kardinäle und Erzbischöfe der vatikanischen Führungsebene, vom Kardinalstaatssekretär bis zum Präsidenten des Päpstlichen Migrantenrates, sind nun schon seit drei Monaten «provisorisch» in ihren Ämtern bestätigt, und manches spricht dafür, dass dies in den meisten Fällen noch bis Oktober so bleiben wird. Für die Betroffenen wie für ihre Untergebenen ist dieser Schwebezustand umso schwerer zu ertragen, je länger er dauert.

Und als er unlängst mit lateinamerikanischen Ordensleuten zusammensaß, distanzierte er sich vorsorglich sogar vom Vorgehen seiner eigenen Glaubenskongregation gegen allzu kühne Patres und Schwestern: Wenn sie anklagende Post aus Rom bekämen und sich rechtfertigen müssten, weil sie in der gelebten Solidarität mit den Armen vielleicht mal wieder Grenzen überschritten hätten, sollten sie ihre Motive geduldig erklären und dann weitermachen. Denn, so die Argumentation des Papstes, eine Kirche, die durch ihre Handlungen auch mal irrt, sei ihm lieber als eine, die sich einschließt und dadurch krank wird.

So weit ging früher nicht einmal der charismatische Papst Johannes Paul II. (1978-2005). Er vertraute stets darauf (und sagte dies auch), dass ihm der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, in dogmatischen Fragen den Rücken freihielt und Abweichlern die Grenzen aufzeigte.

Ludwig Ring-Eifel