13.03.2019

Serie zur Fastenzeit, Teil 2

Fallen und aufstehen

Österliche Bußzeit – so heißen die Wochen vor Ostern. Es ist die Zeit, das eigene Leben zu hinterfragen, falsche Wege zu verlassen und neu zu beginnen. Zum Beispiel im Umgang mit Schuld und Sünde. Teil 2 unserer Fastenserie.

Foto: istockphoto
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„Grundsätzlich kann ich überall Schuld auf mich laden“, sagt Bernhard Scheloske. Er ist Pallottinerpater und Beichtvater im Beichtzentrum der St. Bonifatiuskirche in Wiesbaden. Wenn ich Gutes unterlasse und Böses tue, bin ich aber nicht nur schuldig, sondern werde auch zum Sünder, weil ich gegen Gottes Regeln und Gebote verstoße. Ob ich schuldig bin, zeigt sich an meinen egoistischen und bösen Absichten, aber nicht unbedingt am Schuldgefühl. Wenn ich vorsichtig durch die Stadt fahre und mir dennoch ein Kind vor mein Auto läuft, werde ich mich schuldig fühlen; objektiv trifft mich aber keine Schuld.

Es ist hilfreich, mit anderen zu sprechen

Beichtspiegel, wie zum Beispiel im Gotteslob, geben seitenweise Impulse vor, mit denen ich mein Gewissen überprüfen und feststellen kann, wo ich mich mit kleinen und großen Worten und Taten schuldig gemacht habe – mir selbst, meinen Mitmenschen und meiner Umwelt gegenüber. Gerade die Fastenzeit ist für viele traditionell eine beliebte Zeit, um über das eigene Leben nachzudenken und zur Beichte zu gehen. Wie kann ich aber für mich herausfinden, wo ich selbst Sünden begangen und Schuld auf mich geladen habe? 

Oft sei es das Hilfreichste, mit anderen Menschen über sein Leben zu sprechen und Schuld und Sünden von ihnen aufgezeigt zu bekommen, sagt der Beichtvater. Gespräche mit engen Freunden oder der Familie, aber auch mit Priestern könnten helfen, mir selbst Gedanken über mein Leben zu machen. In der Beichte könne ich Gott meine Sünden hinhalten und ihn um Vergebung für meine Sünden bitten. 

Die Schuld gegenüber meinen Mitmenschen nehmen könne die Beichte aber nicht, sagt Scheloske. Wenn ich meinen Partner beispielsweise betrogen habe, kann und sollte ich diese Sünde beichten, um mein Verhältnis zu Gott wieder geradezurücken und ihn um Vergebung zu bitten. „Gott will ja nicht, dass wir so miteinander umgehen“, sagt Scheloske. Durch die Beichte kann ich den oft schmerzhaften Gesprächen mit meinem Partner aber nicht aus dem Weg gehen. Ich kann nicht rückgängig machen, was geschehen ist, aber zeigen, dass es mir leidtut.

Die Erlösung, wenn mir die Sünden vergeben werden, habe auch einen psychologischen Effekt für die Gläubigen, sagt Scheloske: „Ich habe manchmal das Gefühl, man hört den Stein von der Seele fallen.“ Diese Last nicht loszuwerden könne im Extremfall sogar zu psychischen Problemen führen. „Solang ich es verschwieg, zerfiel mein Gebein, den ganzen Tag musste ich stöhnen“, heißt es zum Beispiel in Psalm 32.

Die Beichte ist kein Freifahrtsschein

Schuld und Sünde einzugestehen, reicht aber nicht. Entscheidend ist, umzukehren, den Kurs meines Lebens zu korrigieren, meine Sünden nicht zu wiederholen. Wenn Gläubige eine ganze Reihe an Sünden beichten, schlägt Scheloske oft vor, sich zunächst auf einen Punkt zu konzentrieren, den man ändern möchte, und sich abends immer wieder zu hinterfragen, ob ich die Korrektur beibehalten konnte. 

Natürlich kann mir das auch mal misslingen; ich schaffe es nicht, die guten Vorsätze aus der Beichte einzuhalten und werde wieder zum Sünder. „Jesus hat gesagt: ‚Wir müssen werden wie die Kinder.‘ Ein Kind, das gerade Laufen lernt, fällt hundertmal hin und steht hundertmal wieder auf. Und genau darum geht es“, sagt Scheloske. Ein Freifahrtsschein, um weiter zu sündigen, weil ich ja alles beichten kann, ist das nicht. Die Güte Gottes sollte ich nicht ausnutzen. Wenn ich aber ernsthaft versuche, mein Leben zu ändern, und dabei scheitere, muss ich nicht resignieren. Ich kann immer wieder fallen, immer wieder aufstehen und meine Verfehlungen vor Gott bringen.

Christoph Brüwer