12.07.2022

Philosoph und Theologe über das neue NASA-Bild

"Das ist ein Gefühl von Ehrfurcht"

Das erste Farbbild des neuen James-Webb-Weltraumteleskops zeigt einen Blick in die Vergangenheit - Galaxien, deren Licht rund 4,6 Milliarden Jahre zu uns gebraucht hat. Im Interview spricht der Philosoph und Theologe Martin Breul über die Grenzen des menschlichen Denkens, Ehrfurcht und was Gott mit all dem zu tun hat.

Foto: imago/UPI Photo
Das erste Farbbild des neuen James-Webb-Weltraumteleskops zeigt Galaxien, deren Licht 4,6 Milliarden Jahre zu uns gebraucht hat. Foto: imago/UPI Photo/NASA


Herr Professor Breul, die NASA hat ein vielbeachtetes Farbbild aus dem Weltall veröffentlicht, das ferne Galaxien zeigt. Was ist Ihnen da als erstes durch den Kopf geschossen?
Dass es beeindruckend ist, wie groß und faszinierend das Universum ist. Und wie klein und vermeintlich unbedeutend die Erde und das menschliche Leben erscheinen. Das ist ein Gefühl von Ehrfurcht vor der Größe des Kosmos.


In der Bibel wendet sich der Psalmist angesichts dieser Größe mit der Frage an Gott: "Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst?"
Solche Erfahrungen ziehen sich durch die Menschheitsgeschichte. Von Kant gibt es ein berühmtes Zitat: "Zwei Dinge erfüllen mich mit Ehrfurcht, der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir." Ersteres scheint dem Menschen zu zeigen, wie unbedeutend er ist. Und die Hinwendung zur Lebenspraxis und Moral zeigt, wie bedeutend er ist. Beides sind die Tendenzen, vor denen der Mensch steht - die Weite des Universums und die nicht zu überbietende Relevanz der eigenen Existenz und der Beziehungen, in denen wir stehen.


Lehrt uns dieses neue Bild, das die Weite des Alls noch einmal vor Augen führt, etwas über Gott?
Das Bild hat zunächst einmal ein gewisses theologisches und philosophisches Irritationspotenzial. Es ist die fortgesetzte kopernikanische Wende, dass der Mensch bei weitem nicht im Zentrum steht. Er steht weder im Zentrum unserer Galaxie, noch steht unsere Galaxie im Zentrum des Universums. Theologisch kann das heilsam sein. Wir dürfen Gott nicht zu menschlich, nicht als den noch ein bisschen tolleren Menschen denken. Die Ehrfurcht vor der Weite des Universums erinnert uns daran, dass Gott immer größer ist als gedacht und dass wir menschlich idealisierte Vorstellungen nicht einfach auf ihn übertragen können.0


Können wir überhaupt noch von einer herausgehobenen Stellung des Menschen sprechen?
Im kosmischen Maßstab stehen wir Menschen natürlich nicht im Zentrum. Aber das NASA-Bild hat ja nicht aus sich heraus eine Bedeutung, sondern wird deswegen bedeutsam, weil wir es rezipieren. Bedeutung entsteht erst da, wo es selbstbewusste, freie Wesen gibt. Gerade unsere Beziehungswelt widerspricht unserer Bedeutungslosigkeit. Natürlich werden wir existenziell herausgefordert angesichts der Weite des Alls, aber der Nahbereich zeigt doch, wie zentral und wichtig menschliche Existenz ist.


Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, heißt es in der Genesis. Wie deuten Sie das?
Anfang ist in der Genesis nicht zeitlich gemeint. Es geht darum, dass Gott das Prinzip des Universums ist. Die Bibel ist keine Konkurrenzerklärung zu naturwissenschaftlichen Theorien. Höchstens weist sie auf Grenzen von Physik und Biologie hin und darauf, dass auch diese Wissenschaften den Menschen nicht ganz verstehen können, weil sie existenzielle Fragen aus methodischen Gründen gar nicht in den Blick nehmen können. Die Bibel möchte erklären, wie Menschen ihre Existenz annehmen können. Es geht dem Christentum ursprünglich nicht um eine Kosmologie, sondern um eine Lebenspraxis.


Hat Gott bei der Erschaffung des Universums den Menschen im Sinn gehabt?
Über göttliche Schöpfungsintentionen zu sprechen, ist immer sehr spekulativ. Der mittelalterliche Theologe Johannes Duns Scotus hat aber eine schöne Formulierung gefunden: «Gott will Mitliebende.» Gott hat sich nach christlichem Verständnis dem Menschen personal offenbart. Aber das muss nicht exklusiv zu verstehen sein. Theologisch offen ist ja, ob es auch andere Wesen gibt, die Mitliebende sein können - das können vielleicht Außerirdische oder Tiere sein.


Es wäre demnach kein Problem für das Christentum, wenn es irgendwo im All noch anderes bewusstes Leben gibt?
Genau. Und wer darin ein Problem sieht, rückt Gott wieder sehr nah an unser Bild vom Menschen heran. Wenn Gott jedoch immer größer ist, als ich ihn denken kann, dann kann er auch Gott für anderes Leben sein.


Bei solchen Überlegungen kriegt manch einer schnell einen Knoten ins Gehirn.
Das Denken selbst kommt an seine Grenzen. Das auf dem Foto eingefangene Licht stammt aus einer Zeit, als das All 800 Millionen Jahre alt war. Und was war 10 Millionen Jahre davor? Sowas ist eine unmögliche Frage, weil Zeit erst mit dem Urknall entsteht. Ähnliches gilt für die Ausdehnung des Universums. Das menschliche Denken ist so beschaffen, dass wir uns fragen, wohin sich das All denn ausdehnt. Aber Raum gibt es ja nur innerhalb des Universums. Allein die Fragen zeigen also schon, dass wir manches in unseren Begriffskategorien nicht mehr verstehen können - und zugleich nicht aus diesen Begriffen herauskommen können.


Und da kommt dann Gott ins Spiel?
Damit wäre ich vorsichtig. Es geht mir nur darum zu zeigen, dass dem menschlichen Verstehen Grenzen gesetzt sind. Und dass Gott das menschliche Verstehen übersteigen kann. Wir sollten Gott aber nicht als jemanden sehen, der irgendwo in oder außerhalb dieses Alls sitzt. Er ist kein Ding, das raumzeitlich ausgedehnt ist und irgendwo am Ende des Universums kauert. Er ist stattdessen als Prinzip immer dort anwesend, wo Liebe ist.


Haben wir mit dem Bild, das an die Ursprünge des Universums zurückgeht, ein Zipfelchen von Gott gesehen?
Nicht im Wortsinn. Gott kann ich nicht sehen und er ist nicht derjenige, der vor Beginn des Urknalls den ersten Dominostein umstößt. Aber metaphorisch kann ich es vielleicht so verstehen: Das Bild führt mir vor Augen, dass die unbeschreiblich große Weite des Universums noch einmal umfangen ist von einer größeren Wirklichkeit, die Gott ist.

kna