26.04.2018

Verbindung zwischen West-Jerusalem und Klagemauer

Streit um Seilbahn

Eine Seilbahn soll West-Jerusalem mit der Klagemauer verbinden - energiesparend, effizient, schnell. Doch es regt sich Widerstand.

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Eine Seilbahn würde das Gesicht Jerusalems verändern, warnen Experten. Foto: kna


Rund 3.000 Besucher könnte die neue Seilbahn von West-Jerusalem bis in die Nähe der Klagemauer bringen - und später vielleicht weiter zum Ölberg. Nach vielen Anläufen wurde das zehn Jahre alte Projekt jetzt neu in Angriff genommen. Es kam auf eine nationale Prioritätenliste, die mit Auflagen etwa zum Umweltschutz etwas legerer verfahren kann. Doch gegen die Seilbahn an einem der sensibelsten Punkte der Welt formiert sich Widerstand: von Archäologen und Umweltschützern - und auch aus politischen und sozialen Gründen.

Das Projekt war im Mai 2017 von Israels Regierung gutgeheißen worden. Es sei kostengünstig, umweltfreundlich, leise, schnell, energiesparend und effizient. Mit geringem Aufwand könnte es eine enorme Menschenmenge an die Klagemauer bringen. Von der alten osmanischen Bahnstation, der heute zur Partymeile umfunktionierten "First Station" am Rand der "German Colony", soll die Trasse über das Hinnom-Tal zum Abhang des Zionsbergs verlaufen. Von dort geht sie entlang der Altstadtmauer vorbei am Dung-Tor bis zum Kedem-Center bei den Ausgrabungen der antiken Davidstadt. Diese liegt am Rand des arabischen Dorfes Silwan und ist in den Händen der israelischen Siedler-Stiftung Elad.

Die Seilbahn würde das Gesicht Jerusalems verändern. Archäologen und Architekten sprechen von einem ästhetischen "No go", von der Verschandlung der atemberaubenden Silhouette der dreimal heiligen Stadt, einem vorrangigen kulturellen Erbe der Menschheit. Etwa 15 Pfeiler müssten tief in archäologischen Boden gerammt, das als Naturpark deklarierte Hinnom-Tal überspannt und Kirchen- und Klostergrund enteignet werden.

Davon wäre etwa das unter der deutschen Dormitio-Abtei liegende Kloster Sankt Peter in Gallicantu betroffen, wo laut Überlieferung der Palast des Hohenpriesters Kaiaphas stand. An dicken Kabeln sollen fortlaufend 40 Kabinen die 1,4 Kilometer lange Strecke mit einer Geschwindigkeit von rund 20 Stundenkilometern entlanggleiten. Von der Endstation würden die Passagiere durch einen 100 Meter langen Tunnel auf den Vorplatz der Klagemauer gelangen.

Bislang gelangt man durch eines der großen Tore, das Jaffa- oder das Damaskus-Tor, zu den Heiligen Stätten. Man betritt die arabisch geprägte Altstadt, durchquert den Basar mit seinen engen pittoresken Gassen, um die Grabeskirche, die Via Dolorosa, die Klagemauer oder den Tempelplatz mit den muslimischen Heiligtümern zu erreichen. Künftig würden die Besucher von der jüdisch geprägten Weststadt direkt zu der von jüdischen Siedlern verwalteten Davidstadt gelangen, und von dort weiter in das jüdische Viertel der Altstadt.

 

Seilbahn als Prestigeobjekt: Zeigen, "wem diese Stadt gehört"

Die Umwelt- und Archäologenorganisation Emet Shahav sieht hinter dem Projekt auch politische Interessen: Die Klagemauer und das jüdische Viertel der Altstadt sollen direkt an die jüdische Weststadt angebunden werden. Die zunehmend jüdisch-israelische Prägung Jerusalems würde verstärkt, so Emet-Shahav-Sprecher Jonatan Mizrachi. Schon 2016 hatte Jerusalems Bürgermeister Nir Barkat (Likud) gesagt, das Projekt mache erneut deutlich, "wem diese Stadt gehört". Zu den Verlierern zählt für Emet Shahav die Bevölkerung von Silwan. Nicht nur, dass in etlichen Gebäuden obere Etagen dem neuen Projekt zum Opfer fielen. Täglich würden über den Köpfen der Bürger die mit bis zu zehn Personen bestückten Gondeln dahin gleiten.

Darüber hinaus ist fraglich, wer die neue Seilbahn nutzen soll. Die Hauptbesucher der Klagemauer, die orthodoxen Juden aus dem Viertel Mea Shearim, würden wohl auch künftig kaum den riesigen Umweg über die "First Station" in Kauf nehmen, sondern direkt durch den Altstadt-Basar zu ihren Gebetsstätten gehen.

Und für die meisten Touristen in den Hotels der Neustadt liegt die First Station zu weit ab vom Weg zur Altstadt. Sie würden vermutlich auch weiterhin durch das Jaffa- oder Damaskus-Tor in den Charme des Souks eintauchen. Umgekehrt ist fraglich, ob die arabischen Bewohner Silwans die Seilbahn nutzen würden, um aus dem Westteil Jerusalems in ihr Dorf zu gelangen. Und so sprechen nicht nur die Kritiker von Emet Shahav von einem "Weißen Elefanten", einem teuren Prestigeprojekt mit wenig Aussicht auf Akzeptanz.

kna