16.01.2019

Willkommenskultur in Kirchengemeinden

Schön, dass Sie da sind

Die St.-Marien-Gemeinde in Oldenburg will keine geschlossene Gesellschaft sein. Damit neue und alte Gemeindemitglieder sich heimisch fühlen, wird daher sonntags vor dem Gottesdienst jeder persönlich begrüßt.

Foto: Michael Rottmann
Ein Händedruck, die Pfarrnachrichten und eine Einladung zum Kirchenkaffee: Doris Tranel (rechts) und Schwester Innocentia Pieters (Mitte) begrüßen die Gottesdienstbesucher vor der Kirche. Foto: Michael Rottmann


Wenn man in eine neue Stadt zieht und dort zum ersten Mal den Gottesdienst einer Gemeinde besucht, kann man sich schnell allein und außen vor fühlen: Die Gemeindemitglieder kennen sich seit Jahren und begrüßen sich ganz vertraut vor dem Gottesdienst, während man selbst nicht beachtet wird. 

So ähnlich hat es auch Annette Schlick vor 32 Jahren erlebt. Damals war die Emsländerin nach Oldenburg gezogen und dem Tipp einer Bekannten gefolgt: „St. Marien könnte das Richtige für dich sein.“ Aber es war erst einmal gar nicht so einfach. „Anfangs hatte ich totale Schwierigkeiten, Anschluss zu finden“, sagt sie. „Wir sind ganz offen!“ – so seien alle überzeugt gewesen. „Aber das stimmte gar nicht. Es gab durchaus geschlossene Gruppen und Grüppchen.“ Es dauerte eine ganze Zeit, bis sie begann, sich heimisch zu fühlen.

Genau diese Erfahrung hat Annette Schlick dazu gebracht, bei einem Projekt mitzumachen, das neuen Gottesdienstbesuchern seit einiger Zeit den Zugang zur Gemeinde erleichtern will: beim neuen Begrüßungsdienst von St. Marien.
Schon 20 Minuten vor den Gottesdiensten in der St.-Marien- und in der St.-Christophorus-Kirche in Oldenburg stehen die Helfer dafür zu zweit an den Portalen und begrüßen die Besucher persönlich. Für jeden gibt es einen Händedruck, die wöchentlichen Pfarrnachrichten und dazu die Einladung, nach der Messe noch zum Kirchenkaffee ins Pfarrheim zu kommen.

Die Anregung dazu kam aus den USA, wo sich einige Gemeindemitglieder das Ganze vor Ort angeschaut hatten. Sie kamen begeistert zurück: „Das könnten wir doch auch machen!“
Schließlich hatte der Pfarreirat das Thema Willkommenskultur in Gottesdiensten auch bei der Diskussion des Pastoralplans zum Thema gemacht. „Was können wir tun, damit sich mehr Leute bei uns im Gottesdienst wohlfühlen? Um diese Frage ging es“, sagt Doris Tranel, Pfarreiratsvorsitzende in St. Marien.

Der Begrüßungsdienst ist dabei nur einer von mehreren Bausteinen. Dazu zählt auch der Kirchenkaffee nach der Messe oder eine Krabbeldecke mit Spielzeug in der Kirche, die Familien mit Kindern die Teilnahme am Gottesdienst einfacher machen soll. Weitere Projekte sollen folgen.

Auf einen Dienstplan verzichtet  das Begrüßungsteam ausdrücklich. „Wir wollten neben Messdiener-, Lektoren- und Kommunionhelferplan nicht noch einen weiteren Plan“, sagt Doris Tranel. Stattdessen schreiben die Helfer in einer WhatsApp-Gruppe, wann sie welchen Gottesdienst besuchen wollen und ob sie sich mit vor die Tür stellen können. „Das funktioniert sehr gut“, freut sich die Pfarreiratsvorsitzende.

Werbung für die Kirchengemeinde

Foto: Michael Rottmann
Annette Schlick
Foto: Michael Rottmann

Auch in der benachbarten evangelischen Martin-Luther-Kirche gehört die Begrüßung vor der Kirche schon seit Jahren fest dazu. Dort machen das allerdings die Pastöre und nicht Gemeindemitglieder. „Insofern ist das Ganze ja auch ein bisschen Werbung: Wenn Kirchenbesucher sehen, dass es Leute gibt, die sich hinstellen und für die Gemeinde einsetzen, dann kommen sie vielleicht auch selbst zu dem Schluss: Dann muss es ja auch Spaß machen, da mitzumachen.“

Und wie reagieren die Gottesdienstteilnehmer? „Anfangs waren manche irritiert. Aber inzwischen freuen sich die meisten“, sagt Doris Tranel. Sie erkennt das am Strahlen in den Gesichtern und an Sätzen wie „Ach, werden wir wieder toll begrüßt!“. Denn das Team wendet sich nicht nur an neue, unbekannte Gesichter, sondern an alle. 

„Mit manchen kommt man ins Gespräch, andere belassen es bei einem kurzen ,Moin‘ als Reaktion“, sagt Schwester Innocentia Pieters, eine Franziskanerin, die im Helferteam mitmacht.

Dass es oft nicht bei kurzen Begrüßungsformeln bleibt, erlebt Annette Schlick gerade bei älteren alleinstehenden Menschen. „Da habe ich manchmal das Gefühl, sie wollen am liebsten noch viel mehr reden.“ Da bekomme das Angebot einen besonderen Wert: „Als eine Art Signal: Ihr seid nicht alleine, ihr werdet gesehen und wahrgenommen.“

Zur Begrüßung gehört immer auch die Einladung zum Kirchenkaffee nach dem Gottesdienst im Pfarrheim gleich nebenan. Und während die Eltern dort Zeit für Gespräche haben, können die Kinder in den Büchern der sonntagsmorgens geöffneten Pfarrbücherei stöbern.

Das neue Willkommensangebot passt besonders zu Gemeinden in größeren Städten wie Oldenburg, vermutet Pfarrer Jan Kröger. Mit vielen Zugezogenen, mit Studenten und auch mit Menschen verschiedener Nationalitäten. Die St.-Marien-Pfarrei hat auch sie im Blick, bietet etwa regelmäßig Gottesdienste in englischer Sprache.

Hat das neue Angebot in der kurzen Zeit schon etwas verändert in der Gemeinde? Schwester Innocentia Peters zuckt mit den Schultern. „Das kann man schlecht sagen. Es ist ja nicht die einzige Aktion, die bei uns läuft. Aber darum geht es ja auch nicht. Sondern darum, dass die Leute spüren: Sie sind willkommen bei uns. Das ist schon viel.“ Auf ein zählbares Ergebnis kann Pfarrer Jan Kröger dennoch verweisen: „Wir werden jetzt unser Sonntagsblättchen besser los, weil jeder eines in die Hand gedrückt bekommt. Früher landete mehr davon ungelesen im Altpapier.“

Michael Rottmann