08.05.2018

Papst Franziskus holt sich Rat in der Krise in Chile

Synode der Missbrauchsopfer

Stundenlange Gespräche über mehrere Tage: Papst Franziskus hat sich mit chilenischen Missbrauchsopfern im Vatikan getroffen.

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Die chilenischen Missbrauchsopfer Juan Carlos Cruz (l.), James Hamilton (m.) und Jose Andres Murillo (r.) 
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Zorn und Zutrauen. Mehrere Tage sprachen drei Männer mit Papst Franziskus über die dunkelsten Episoden ihres Lebens: den sexuellen Missbrauch durch einen katholischen Priester und den Widerstand, als sie die Wahrheit ans Licht bringen wollten. Am Ende meinten sie "das freundliche Gesicht der Kirche" gesehen zu haben, das Gegenteil von jenem Gestrüpp aus Macht, Gewalt und Lügen, das sie in ihrer Jugend in Chile kennenlernten.

Eine "Epidemie" nannten Juan Carlos Cruz, James Hamilton und Jose Andres Murillo den sexuellen Missbrauch durch Geistliche. Eine Epidemie von Verbrechen und Verderbtheit, die "Tausende" auf dem Gewissen habe, wie sie vor Journalisten in Rom erklärten. "Wir sprechen aus Erfahrung. Eine Erfahrung, die andere nicht überleben konnten."

Den Anstoß für die Einladung in den Vatikan gab dabei nicht, was diesen Männern vor dreieinhalb Jahrzehnten im Pfarrzentrum El Bosque in Santiago widerfuhr, sondern, dass die Geschichten von der Ahnungslosigkeit mancher heutiger Kirchenoberen Risse bekamen. Einen geistlichen Ziehsohn des El-Bosque-Priesters Fernando Karadima, Bischof Juan Barros, hatte Franziskus bei seiner Chile-Reise im Januar noch öffentlich verteidigt. Daraus entstand die bislang schwerste Glaubwürdigkeitskrise des Papstes.

Eine Woche waren die drei Männer nun in der päpstlichen Residenz Santa Marta zu Gast, um mit Franziskus über die Ursachen des Missbrauchsskandals und seine Bewältigung zu reden. Inhaltliche und zeitliche Vorgaben machte der Vatikan nicht. Alles sollte angesprochen werden dürfen, jedes Thema sollte so viel Zeit bekommen wie nötig. Gut zwei bis knapp drei Stunden dauerten die Einzelgespräche; am Montag trafen sie sich noch einmal zu einer gemeinsamen Runde.

 

Grundsätzliche Reformvorschläge für Franziskus

Ins Detail gingen Cruz, Hamilton und Murillo wenig bei ihrer Bilanz. Als einen Eckstein von Missbrauch und Vertuschung bezeichneten sie die "pathologische und uneingeschränkte Machtausübung". Solange Missbrauch nicht gesühnt werde, sei Wiederholung möglich, könnten weiter Netzwerke der Gewalt wachsen. Ein neuer Umgang mit Macht verlangt aus Sicht von Murillo auch eine andere Beteiligung von Gruppen, deren Einfluss in der Kirche bislang eingeschränkt ist, etwa Frauen.

Die drei, soviel wurde deutlich, legten dem Kirchenoberhaupt sehr grundsätzliche Reformansätze vor; offenbar war genau dies auch der Wunsch von Franziskus. Auch auf persönlicher Ebene schienen Gäste und Gastgeber zueinander gefunden zu haben. Der Papst bat sie persönlich und im Namen der Kirche um Verzeihung. "Nie habe ich jemanden so zerknirscht gesehen", sagte Cruz. "Ich fühlte, dass es ihn schmerzt."

Franziskus räumte laut Cruz ein, selbst "Teil des Problems" gewesen zu sein. Murillo meinte sogar, der Papst habe den Anspruch auf Unfehlbarkeit gerade dadurch gewahrt, dass er Fehler eingestand. Offen blieb: Was geschah mit dem belastenden Dossier über Bischof Barros, das Cruz Anfang 2015 über Kardinal Sean O'Malley Franziskus zuleitete? Hatte er es nicht bekommen, nicht gelesen oder nicht ernstgenommen? Auch Cruz konnte die Frage nicht beantworten.

Von allen früheren Treffen mit Missbrauchsopfern unterschied sich dieses allein schon durch die Dauer: Tagelang lebten die drei mit Franziskus unter einem Dach, die Gespräche gingen weit über persönliche Erlebnisschilderungen hinaus. Im Grunde war die Begegnung die Vorbereitung eines Krisengesprächs, zu dem die chilenischen Bischöfe für Mitte Mai in den Vatikan einbestellt sind.

Das ist ungewöhnlich - dass Missbrauchsopfer die Agenda eines Bischofstreffens mitbestimmen und damit als Akteure in die Ausübung des kirchlichen Leitungsamts hineinwirken. Cruz, Hamilton und Murillo erklärten, dass der Papst für die nächsten Tagen ein Vorschlagspapier von ihnen erbat und sie weiterhin in Kontakt bleiben wollen.

Die drei erwarten nun aber auch Konsequenzen für jene, von denen sie über Jahre wegen ihres Kampfs angefeindet wurden: etwa ein Kardinal Francisco Errazuriz, Mitglied des engsten Beraterkreises des Papstes, oder ein Kardinal Ricardo Ezzati. Sie nennen sie Kriminelle, Vertuscher und "toxisch". Sie wollen Taten sehen. Sonst wird der Zorn zurückkehren.

kna