22.08.2018

Franziskus äußert sich in einem Brief zu Missbrauchsfällen in der Kirche

Papst voll Scham und Reue

Franziskus reagiert auf den Bericht zu massenhaftem Missbrauch in den USA. In einem Brief an alle Christen bekennt er die Fehler der Kirche. Und er geißelt jede Form von Klerikalismus. Ein Kritiker mahnt, jetzt müssten den Worten auch Taten folgen.

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„Wir haben nicht rechtzeitig gehandelt“: Papst Franziskus in seinem Brief an die Christen weltweit. Foto: kna

Papst Franziskus hat in einem Schreiben an die Christen weltweit Versäumnisse im Umgang mit Missbrauch in der katholischen Kirche eingeräumt. Er reagierte damit auf den jüngsten Bericht zu massenhaftem Missbrauch in den USA. „Mit Scham und Reue geben wir als Gemeinschaft der Kirche zu, dass wir nicht dort gestanden haben, wo wir eigentlich hätten stehen sollen, und dass wir nicht rechtzeitig gehandelt haben, als wir den Umfang und die Schwere des Schadens erkannten“, schrieb der Papst. Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Stephan Ackermann, sprach von einem „aufrüttelnden Schreiben“.

Der Papst machte einen „Macht- und Gewissensmissbrauch“ im Klerikalismus für Tausende Missbrauchsfälle verantwortlich. „Zum Missbrauch Nein zu sagen, heißt zu jeder Form von Klerikalismus mit Nachdruck Nein zu sagen“, erklärte er. Missbrauch dürfe sich nicht wiederholen und dürfe auch keinen Raum finden, in dem eine solche Kultur versteckt überleben könne.

Ackermann erklärte, das Schreiben rufe auch die Kirche in Deutschland zur Gewissenserforschung und Erneuerung auf. Der Brief müsse sich aber die Frage gefallen lassen, warum sich der Papst an das „ganze Volk Gottes“ richte, wo doch die Schuld und Verantwortung in erster Linie bei den Priestern, den Bischöfen und Ordensoberen liege.

Franziskus lasse jedoch keinen Zweifel daran, dass er dem Klerus allein nicht die notwendige Kraft zur Erneuerung zutraue, erklärte Ackermann: „Voller Scham bekennt der Papst, dass die Unterdrücker und Mächtigen allzu oft nicht außerhalb, sondern innerhalb der Kirche saßen und sitzen.“


Der Papst soll die Akten des Vatikan freigeben

Außer in den USA beschäftigen sich etwa auch in Österreich und Irland Untersuchungskommissionen mit massenhaften Missbrauchsfällen in katholischen Einrichtungen. Die Deutsche Bischofskonferenz will das Ergebnis ihrer Untersuchungen über Missbrauch in der katholischen Kirche am 25. September bei ihrer Vollversammlung in Fulda vorstellen.

Der Mitbegründer des Eckigen Tisches zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche, Matthias Katsch, sagte, Papst Franziskus habe starke Worte gefunden. Jetzt müssten aber Taten folgen, insbesondere im Vatikan, forderte er. Der Papst könne als oberster Gesetzgeber der Kirche alle Geheimhaltungsvorschriften aufheben, die Akten des Vatikan freigeben und auch die Bischöfe weltweit dazu auffordern, sagte Katsch. Außerdem müsse er alle Versuche von Kirchenrepräsentanten unterbinden, Verjährungsfristen aufrechtzuerhalten.

epd/kna