23.07.2018

Ölindustrie verschmutzt Umwelt im Südsudan

Schmutzige Geschäfte

Der Südsudan ist eines der ärmsten Länder der Erde - und besitzt doch etwas, um das ihn andere Nationen beneiden: Erdöl. Von den Gewinnen aus der Förderung kommt kaum etwas bei der Bevölkerung an. Seit Jahren verschmutzt die Ölindustrie im Norden des afrikanischen Landes das Trinkwasser für rund 600.000 Menschen. Im Interview spricht Klaus Stieglitz von der Hilfsorganisation Hoffnungszeichen über schmutzige Geschäfte von Weltkonzernen in einem von Krieg und Korruption zerrissenen Staat.

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Klaus Stieglitz von der Hilfsorganisation Hoffnungszeichen. Foto: kna


Herr Stieglitz, im Südsudan hat Hoffnungszeichen bis vor kurzem zwei Gesundheitsstationen unterhalten - von dort bis zur Ölindustrie scheint der Weg etwas weit.
Das Ganze hat sich eher zufällig ergeben. Wir sind im Jahr 2007 von einem lokalen Vetrauensmann angesprochen worden, der uns darauf hinwies, dass es in seinem Zuständigkeitsbereich Menschen gebe, die über eine schlechte Qualität des Trinkwassers klagten. Das Wasser schmecke salzig, auch Kühe seien schon verendet.


Hoffnungszeichen ist keine Umweltorganisation.
Wir haben die Aufgabe angenommen, weil sich unser Vertrauensmann nicht anders zu helfen wusste.


Wie sind Sie vorgegangen?
Wir haben zunächst einmal Wasserproben genommen. Bald gab es erste Hinweise, dass mit dem Wasser etwas nicht in Ordnung ist. Daraufhin haben wir weitere Proben in eine hydrogeologische Studie einfließen lassen.


Mit welchem Ergebnis?
Damit konnten wir wissenschaftlich nachweisen, dass das Trinkwasser im Norden des Südsudan tatsächlich von der Ölindustrie verschmutzt ist, und zwar mit Schwermetallen und Salzen. In einem zweiten Schritt haben wir anhand von Haaranalysen festgestellt, dass diese menschlichen Haarproben sehr schwer mit Blei belastet sind. So konnten wir die Aktivitäten der Ölindustrie mit der gesundheitlichen Belastung der Menschen in einen direkten Zusammenhang bringen.


Die Ölindustrie im Südsudan - wer steckt dahinter?
Der wichtigste Akteur ist der malaysische Staatskonzern Petronas. Er ist an den drei großen Ölkonsortien im Südsudan maßgeblich beteiligt, einmal sogar als Mehrheitsgesellschafter.


Malaysia liegt noch weiter weg als der Südsudan.
Es gibt aber eine sehr direkte Verbindung zu Deutschland. Für die Daimler AG ist Petronas ein wichtiger Geschäftspartner und Sponsor. Die Mercedes-Silberpfeile in der Formel 1 tragen das Logo von Petronas.


Daimler und Petronas sind Weltkonzerne, Hoffnungszeichen eine kleine Hilfsorganisation mit Sitz in Konstanz. Hat man Ihre Studien überhaupt wahrgenommen?
Dank der Vermittlung von Daimler sind wir auch mit Petronas ins Gespräch gekommen. Daraus entstand ein fünf Jahre währender Dialog, in dem wir versucht haben, eine gute Lösung für die Menschen im Südsudan zu finden.


Aber?
In der Sache ist es letzten Endes nicht vorwärtsgegangen. Und einen Dialog um des Dialogs willen brauchen wir nicht. Als wir uns dann 2015/2016 dazu entschieden, mit dem Thema an die Öffentlichkeit zu gehen, sind wir massiv unter Druck geraten, weil die südsudanesische Ölindustrie uns als Störenfriede betrachtet hat und leider nicht als konstruktiven Lösungspartner - was wir immer sein wollten.


Wie machte sich dieser Druck konkret bemerkbar?
Ein Vertreter des südsudanesischen Ölministeriums hat uns zu verstehen gegeben, dass wir als Staatsfeind angesehen werden, wenn wir so weitermachen wie bisher. Daraufhin haben wir unsere eigenen Mitarbeiter abgezogen, weil wir deren Sicherheit nicht mehr garantieren konnten.


Wann haben Sie zuletzt mit Daimler und Petronas gesprochen?
Im April in Zürich, also erst vor ein paar Monaten.


Welche Forderungen haben Sie dort vorgebracht?
Kurzfristig wäre es beispielsweise wichtig, dass eine alternative Trinkwasserversorgung zur Verfügung steht. Man kann für Brunnen tiefer bohren. Ungefähr 300 Meter unter der Erdoberfläche gibt es Wasser, das noch nicht von der Ölindustrie verschmutzt ist.


Und mittelfristig?
Müsste man die komplette betroffene Bevölkerung - unseren Berechnungen zufolge sind das etwa 600.000 Menschen - mit sauberem Trinkwasser versorgen und sie über die Gefahren der Erdölförderung aufklären. Langfristig sollten die lokalen Gemeinschaften wesentlich mehr von dem Ölgeschäft profitieren...


...das vermutlich auch sauberer werden müsste.
Natürlich dürften Giftstoffe nicht mehr in die Umwelt abgelassen werden. Schadstoffe sollten nach internationalen Standards aufbereitet werden.


Was hat Petronas bei dem letzten Treffen in Zürich zu alledem gesagt?
Dass man eventuell eine kleine Wasseraufbereitungsanlage in der Hauptstadt Juba, also in mehreren hundert Kilometern Entfernung, installieren könnte und sich überlegt, ein paar Tiefwasserbrunnen zu bauen.


Haben Sie Hoffnung auf mehr?
Wir wollen die Daimler AG weiter bitten, ihren Einfluss auf den Geschäftspartner auszuüben, um die Lebensumstände der Menschen im Südsudan zu verbessern.


Was haben Sie aus dem Dialog und der öffentlichen Auseinandersetzung mit Daimler und Petronas gelernt?
Am Beispiel von Petronas im Südsudan sehen wir, wie ein völlig unregulierter Konzern dem reinen Profit nachhängt. Das Staatswesen im Südsudan ist leider ziemlich unterentwickelt und völlig unfähig, solche Unternehmen in die Schranken zu weisen. Dem Staat kommt es offenkundig auf Einnahmen an und nicht auf Kontrolle der Ölindustrie.


Was also tun?
Wir haben ja auch bei uns gesehen, dass die reine Marktwirtschaft ein Regulativ braucht. So wurde die soziale Marktwirtschaft geboren. Und das müsste man weiterdenken im Zeitalter der Globalisierung.


Will heißen?
Der Gedanke der sozialen Verantwortlichkeit bei Unternehmen darf nicht nur auf freiwilliger Basis erfolgen, sondern muss gesetzlich verankert werden und damit einklagbar sein - auch wenn die Verstöße in Afrika oder anderswo auf der Welt passieren.

kna