22.10.2018

Erstmals spielt ein Muslim den Judas

Premiere in Oberammergau

Zwei Jahre dauert es noch bis zu den Passionsspielen in Oberammergau. Die Schauspieler wurden jetzt  vorgestellt - und es gab eine Überraschung.

Foto: wikimedia.de/Henning Schlottmann
Verantwortlich für die Passionsspiele in zwei Jahren: der Regisseur Christian Stückl. Foto: wikimedia.de/Henning Schlottmann


Als Christian Stückl am Wochenende die Liste mit den Hauptdarstellern für die Passion 2020 in Oberammergau dem Gemeinderat vorlegte, hatte er richtig Angst. Drastisch spricht der Regisseur sogar von "feuchten Hosen". Denn was, wenn die Mitglieder seine mühsam zusammengestellte Konstellation von jungen und alten Laienspielern in Frage stellen? Wenn sie gegen einen dieser Vorschläge ein Veto einlegen?

Die Sorge war unbegründet. Zwar musste sich der 56-Jährige, der in zwei Jahren zum vierten Mal das Spiel vom Leiden und Sterben Jesu inszeniert, so einiges zu seinen neuesten Plänen anhören. Kein böses Wort aber fiel über die ausgewählten Frauen und Männer. Und so ist die Überraschung perfekt: Erstmals wird mit Cengiz Görür ein Muslim und Oberammergauer mit türkischen Wurzeln eine Hauptrolle spielen - und zwar den Judas.

Als Samstagmittag vor dem Passionstheater Lena Rödl in Schönschrift auf die Schiefertafel zuerst ein "C" und dann ein "e" hinter dem Rollennamen Judas schreibt, brandet bereits erster Jubel auf. Denn den Insidern - und das sind bei diesen mit Leidenschaft Theater spielenden Einwohnern fast alle Versammelten - ist klar: Das kann nur der 18-jährige Schüler sein. Im Sommer hatte er sich im "Wilhelm Tell" als Arnold von Melchtal an der Seite des Titelhelden auf der Bühne bewährt. Jetzt wird aus ihm ein Verräter.

Die Rolle hat es in sich. Auch der Protestant Carsten Lück, der als Pilatus zu sehen sein wird, konnte darin schon glänzen. Aber ausgerechnet diese umstrittene Figur für einen Muslim? "Keine Provokation", versichert Stückl immer wieder. Vielleicht sei Judas sogar einer der engsten Freunde Jesu gewesen, denn schließlich habe sich dieser "keine zwölf Deppen" ausgesucht.

 

Judas und zweiter Spielleiter mit Migrationshintergrund

Die Freude, einen solch anspruchsvollen Part zugeteilt bekommen zu haben, ist bei Görür groß; genauso wie bei seinem Vater, einem im Ort längst verwurzeltem Gastronom. Geduldig lässt sich der junge Mann fotografieren, erzählt, dass Deutsch und Englisch zu seinen Lieblingsfächern gehören und dass es ihm nicht schwer fällt, intensiv Text zu lernen. Belastungen scheint er tatsächlich gut aushalten zu können. Seinen Quali, also den qualifizierenden Hauptschulabschluss, machte Görür, als er zeitgleich für "Kaiser und Galiläer" probte, seine Mittlere Reife, als der "Tell" auf dem Spielplan stand, und wenn die Passion naht, gilt es, die Abiturprüfung an der Fachoberschule in Garmisch zu schaffen.

Der gebürtige Oberammergauer, den die Einheimischen längst als einen der ihren ansehen, ist nicht der einzige mit Migrationshintergrund, der eine tragende Rolle in der Passion übernimmt. Auch dem zweiten Spielleiter steht traditionell eine zu. Der 29-jährige Jungregisseur Abdullah Karaca, der in den vergangenen Sommern "Romeo und Julia" und "Die Geierwally" verantwortete, wird als Nikodemus in Erscheinung treten, ein treuer Freund von Jesus.

Überhaupt hat Stückl sehr vielen jungen Leuten zwischen 20 und 40 Jahren eine Hauptrolle zugetraut. Ihm ist wichtig, den Stab rechtzeitig weiterzureichen. In den zehn Jahren, die stets zwischen den Spielen liegen, ändert sich viel, auch der Blick auf Jesus. Am Anfang sah der Regisseur ihn als lauten Revoluzzer, dann eher als ruhigen Mann, der konsequent seine Ziele verfolgt. Die Religion verschwimme immer mehr, hat Stückl dieser Tage festgestellt und fragt: "Was weiß man noch?"

Deswegen liegt ihm daran, wenn er sich an die Textarbeit macht und quasi eine Art fünftes Evangelium zu Papier bringt, die Botschaft noch besser rüberzubringen: "Jesus muss wieder greifbar werden." Dabei wollen ihm erneut Bühnenbildner Stefan Hageneier sowie der für Chor und Orchester zuständige Markus Zwink mit seinem Team helfen. Wie sehr die Musik bereits eine Einheit bildete, davon konnten sich die Besucher des Gottesdienstes, in dem das Gelübde von 1633 erneuert wurde, überzeugen. Spontan brandete für die Musik Applaus auf, was Stückl zu dem Appell an die Darsteller animierte: "So sollten wir alle zusammenwachsen."

kna