25.07.2018

Kirchliche Statistik für 2017

Kirche rückt in den Hintergrund

Die Kirchen in Deutschland sind weiter auf dem Rückzug. Das ist die eindeutige Botschaft der aktuellen Statistik. Doch während die Mitgliederzahlen sinken, sprudeln die Steuereinnahmen. Eine Chance, den Umbau der Kirche zu gestalten.

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Christliche Fragen sind in der Flüchtlingsdebatte so wichtig: eine Frau bei einer Demonstration in Frankfurt. Foto:imago


Langsam, aber stetig schwindet die christliche Prägung unseres Landes. Der jetzt vorgelegten Statistik zufolge verloren katholische und evangelische Kirche 2017 rund 600 000 Mitglieder. Der Anteil der Christen an der Gesamtbevölkerung liegt bei rund 58 Prozent, 2010 betrug er noch 62 Prozent.

Die wichtigsten Fakten aus der katholischen Statistik: 2017 lebten in Deutschland 23,3 Millionen Katholiken (2016: 23,6 Millionen). Das macht einen Bevölkerungsanteil von 28 Prozent. Weitgehend stabil sind die Zahlen bei Taufen, Erstkommunionen und Bestattungen. Sie schwanken im Jahresvergleich um etwa ein Prozent. So wurden 2017 rund 169 750 Menschen katholisch getauft, ein kleiner Rückgang im Vorjahresvergleich. Dafür ist die Zahl der Erstkommunionkinder leicht gestiegen auf 178 040. Nach einer kurzen Atempause in den vergangenen Jahren stieg 2017 die Zahl der Kirchenaustritte – bundesweit verließen 167 500 Menschen die Kirche. Dass Eintritte und Wiederaufnahmen leicht stiegen, ist nur ein kleiner Trost. Deren Zahl liegt bundesweit nur bei 9330. Hauptgrund für das Schrumpfen der christlichen Kirchen ist die Demographie: Es werden weniger Menschen in die Kirche aufgenommen als sie durch Todesfälle verliert. Insgesamt ist eine wachsende Distanz zu beobachten. So stellt das Bistum Rottenburg-Stuttgart überdurchschnittliche Austritte in der Altersgruppe der 15- bis 44-Jährigen fest. Deutschland steht damit nicht allein da. Religionssoziologen sehen die Kirchen in ganz Westeuropa auf dem Rückzug. Wir Deutschen messen nur besonders gründlich.


Wie christlich Deutschland ist, zeigen die Zahlen nicht

Der Kirchenaustritt ist ohnehin eine deutsche Besonderheit, weil bei uns mit der Kirchenmitgliedschaft auch die Kirchensteuerpflicht verbunden ist. In anderen europäischen Ländern bleibt man einfach weg. Und trotz des Mitgliederrückgangs stehen die kirchlichen Kassen gut da: 6,4 Milliarden Euro an Kirchensteuern nahmen die Bistümer 2017 ein. Fast fünf Prozent mehr als im Jahr davor. Seit Jahren sprudeln die Kirchensteuereinnahmen, weil die Konjunktur so gut läuft, aber auch, weil die Babyboomer-Generation auf dem Höhepunkt ihrer beruflichen Karriere ist und entsprechend Steuern zahlt. In zehn Jahren aber ist es damit vorbei – dann gehen die Babyboomer in Rente. Der kirchliche Strukturwandel wird sich beschleunigen müssen. Noch gibt es genügend Personal und Geld, um den Wandel zu gestalten.

Wie christlich Deutschland wirklich ist, lässt sich mit Zahlen nur schwer belegen. Wie passt ein überdurchschnittlich gut besuchter Katholikentag in Münster ins Bild? Oder die große Beteiligung an der Ministrantenwallfahrt nach Rom? Klar ist: Noch mehr Gottesdienste werden wegfallen, Pfarrzentren geschlossen, Gemeinden zusammengelegt werden. Ein schmerzhafter Prozess. Doch Vordenker wie der Erfurter Philosoph Eberhard Tiefensee sind keineswegs pessimistisch: „Wir Christen sollen Salz der Erde sein. Salz ist Gewürz und nicht Grundnahrungsmittel. Die Impuls-Funktion der Christen ist doch auch unabhängig von ihrer Zahl möglich“, sagt er im Interview mit dieser Zeitung.

Von Ulrich Waschki