18.07.2018

Neue Kraft schöpfen im Kloster

Leer machen. Füllen

„Kommt mit an einen einsamen Ort, ruht ein wenig aus“, sagt Jesus im heutigen Evangelium zu den Aposteln. Neue Kraft schöpfen, auftanken – dabei kann ein Aufenthalt im Kloster helfen. Zum Beispiel im Kloster Nütschau bei Hamburg.

Foto: Marco Heinen
Die Natur genießen: Bernadette Haan und Bruder Johannes Tebbe beim Spaziergang. Foto: Marco Heinen


Im Kloster Nütschau sind sogar die Rauchschwalben tiefenentspannt, so scheint es jedenfalls. Sie brüten im überdachten Gang zwischen Speisesaal und Kapelle, fast auf Augenhöhe mit den Menschen, denen sie ohne große Scheu um die Köpfe fliegen. Die Vögel dürfen einfach dort sein, obwohl sie rund um ihre Nester Spuren hinterlassen, die von Zeit zu Zeit entfernt werden müssen.

Was den Schwalben zugestanden wird, gilt erst recht für die Menschen: Sie werden respektiert, dürfen einfach dort sein – so, wie sie sind. Aus Sicht des Priors, Bruder Johannes Tebbe, ist dies ein wichtiger Grund, warum so viele Gäste ins Benediktinerkloster nördlich von Hamburg kommen. Ein anderer Grund: „Menschen, die hierherkommen, suchen Ruhe. Und mehr oder weniger bewusst, so würde ich sagen, suchen sie auch nach Gott.“


Mitgetragen von denen, die singen und beten

Derzeit leben in dem um 1577 errichteten  Herrenhaus 17 Mönche in einer Lebens- und Gebetsgemeinschaft. Rund 25 000 Gäste kommen jedes Jahr her, um daran teilzuhaben. Die „Stätte der Besinnung, Bildung und Begegnung“, wie es in der Eigenwerbung heißt, ist ein Ort, an dem die Menschen ihre Akkus wieder aufladen können. Eine Art Tankstelle für Lebensenergie, mitten im Grünen und doch direkt an der Autobahn 21.

Dass die Menschen im Kloster Nütschau so etwas wie Gleichgesinnte sind, merken Außenstehende sehr schnell. Mittags bei Pellkartoffeln und Matjes – die Küche bekommt stets viel Lob von den Gästen – dreht sich das Gespräch schon nach wenigen Sätzen um Eingemachtes. Persönliches wird offenbart und die Begeisterung für das Leben im Kloster wird spürbar. Von der Authentizität der Mönche und des geistigen Raums ist die Rede. Und von der Notwendigkeit, zunächst Ballast abzuwerfen und sich leer zu machen, bevor man auftankt.

Obwohl ein Gästekloster ein bisschen wie ein Hotel organisiert ist, hat es doch wenig damit zu tun. Die innere Haltung, die Quelle der Gastfreundschaft ist in einem Kloster eben eine andere. Der Prior verweist auf die benediktinische Regel, wonach Gäste wie Jesus selbst aufgenommen werden sollen. „Da steht der Respekt und die Wertschätzung im Vordergrund, die christliche Nächstenliebe.“

„Die Atmosphäre im Kloster ist geprägt durch das Gebet. Man kann es nicht messen. Aber man kann es fühlen, ob man an einem Ort ist, wo gebetet wird“, sagt der Prior. Das Leben in der Gemeinschaft, der Rhythmus von Stundengebet und Meditationen, all das vermittle ein Gefühl der Sicherheit: „In einem Kloster bekomme ich einen Rahmen angeboten, der mir Ordnung gibt.“ Oder, um es mit einer alten Weisheit zu sagen: „Halte die Ordnung und die Ordnung hält dich.“

Gäste wie das Ehepaar Schlüter aus Berlin bestätigen das. „Ich fühle mich mitgetragen von denen, die mitbeten und mitsingen, von den Mönchen, aber auch von den anderen Gästen“, sagt Michael Schlüter. Es sei „wie ein Wirken des Geistes Gottes“, ergänzt seine Frau Petra. Das geht schon am frühen Morgen los. Vigil und Laudes sind für Petra Schlüter wie eine spirituelle Dusche: „Diese alten heiligen Worte fließen durch mich hindurch und reinigen mich.“ Es sind Erfahrungen, von denen das Paar noch lange zehrt, sogar wenn es längst zurück in Berlin ist. „Ich bin richtig damit angefüllt, mit diesem Psalmengesang und den Stundengebeten“, sagt Petra Schlüter.

Bernadette Haan aus Geldern am Niederrhein spricht von einer zweiten Heimat, die sie an der Trave erlebt. „Ich genieße das Sein in der Natur, wo ich auch Gott sehr nahe sein kann“, erzählt sie. Haan ist eine von über 100 Oblaten des Klosters, die ihr Leben im Geiste des heiligen Benedikt zu leben suchen, ohne jedoch im Kloster zu wohnen. Im Frühjahr kam sie direkt nach einem Fuerteventura-Urlaub nach Nütschau. Sie war fix und fertig, denn der Urlaub war eher anstrengend als erholsam. Nach einem Tag in Nütschau „hatte ich meinen inneren Frieden“, erzählt Bernadette Haan. „Es ist ein Ankommen in vertrauter Umgebung.“ Und: „Ich mache mich leer und fülle mich mit Gott.“


Viermal am Tag ist das Ladekabel angeschlossen

Wie ist das für die Mönche selbst? Schöpfen sie aus denselben Kraftquellen wie ihre Gäste? Bruder Johannes verweist auf den heiligen Benedikt, der den Mönchen das rechte Maß ans Herz legt. Denn wer das immer einhalte, dessen Akku werde wohl niemals leerlaufen. Regelmäßige Gebets- und Ruhephasen und die Achtsamkeit, sein Leben nicht durch die Arbeit bestimmen zu lassen, würden das verhindern, ist er überzeugt. „Viermal am Tag in der Kirche und in persönlichen Zeiten für Meditation und Lesung ist das Ladekabel angeschlossen“, sagt Bruder Johannes.

Doch auch den Mönchen tut ab und zu ein Tapetenwechsel ganz gut, sei es bei Exerzitien oder auf dem Pilgerpfad. Der Prior selbst ist zum Beispiel gerne auf dem Jakobsweg. „Das erneuert und erfrischt meine Gottesbeziehung und gibt neue Kraft für den Klosteralltag zu Hause in Nütschau.“

Von Marco Heinen