29.10.2019

Gebetsschule

"Gott erniedrigt sich"

Als Kleiner Bruder vom Evangelium wohnt Andreas Knapp in einem Plattenbau – bei Menschen, die die Gesellschaft ausgrenzt. Im Interview erzählt er, warum ihn das Gott näherbringt – und was das Gebet im Knien damit zu tun hat.

Foto: Andreas Kaiser
„Ich versuche, den Menschen, die in unserer Gesellschaft angefeindet werden, ein Signal zu geben“, sagt Andreas Knapp. Er wohnt in einer Plattenbausiedlung in Leipzig. Foto: Andreas Kaiser


Ihr Orden heißt Kleine Brüder. Machen Sie sich vor Gott klein?
(lacht). Nein. Vor Gott kann man sich doch gar nicht klein machen. Unser Ordensgründer Charles de Foucauld hatte die Idee, in familiärer Vertrautheit mit Gott zu leben. So wie ein kleiner Bruder mit seinem großen Bruder zusammenlebt und sich am großen Bruder orientiert, ihn nachahmt und wächst.

Aber Sie selbst hätten Kirchenkarriere machen können. Nun leben Sie im Plattenbau und kümmern sich um die sogenannten kleinen Leute, um Strafgefangene und Geflüchtete. 
Jesus geht ja auch bewusst zu den Kleinen. Er versucht nicht, den Kaiser zu bekehren. Er ist kein Revolutionär, der den römischen Staat umkrempeln möchte. Er geht zu jenen, die vergessen wurden, zu den Aussätzigen, zu den Frauen und Kranken, von denen man glaubt, sie seien von Gott gestraft. Und diesen Menschen sagt er, ihr seid geliebte Kinder Gottes und macht sie damit groß. Ein ähnliches Signal versuche ich den Menschen zu geben, die in unserer Gesellschaft nichts bedeuten oder angefeindet werden. Ich zeige ihnen: Ihr seid wichtig und wertvoll. Ich nehme Euch wahr. Ihr seid nicht irgendwelche Sozialschmarotzer, sondern Menschen, die mit großen Nöten hergekommen sind. 

Die Welt ringsherum wird aber immer lauter, aggressiver. Nimmt man da die leisen Stimmen überhaupt noch wahr?
Es geht uns darum, etwas konkret zu leben. Mit den Menschen. Jede Freundschaft, die ich eingehe, ist sehr kostbar und lässt sich nicht mit politischen Erfolgen verrechnen. Für das Reich Gottes zählt nicht das Laute und Große. 

Viele Menschen gehen zum Beten auf die Knie. Auch in Ihrer Kapelle habe ich einige Kniebänke zum Beten gesehen. 
Gott hat sich für uns Menschen kleingemacht. Und wenn ich die gleiche Bewegung mache, begegne ich ihm gerade auch im Kleinen und Niedrigen. Im Beten gehe ich den Weg von Jesus mit, der seinen Blick bewusst auf Menschen gerichtet hat, die kleingemacht wurden. Er erhöht die Niedrigen und stößt die Mächtigen vom Thron. Im Knien nähere ich mich Gott, denn er kommt mir ja von unten her entgegen. Ich denke hier an die Fußwaschung. 

Inwiefern?
Gott erniedrigt sich und macht sich klein, damit wir ihm gerade im Kleinwerden und in der Zuwendung zu den Kleinen begegnen können. Zum Gebet gehört auch, dass ich mir meiner Kleinheit bewusst werde und wahrhaftig werde mit mir selber. Luther hat einmal gesagt, dass das Wichtigste beim Beten ist, dass ich nicht lüge. Weil wir Menschen immer in Gefahr sind, uns selbst etwas vorzumachen, zu beschönigen oder glänzen wollen. Beten aber ist der Versuch, in die Wahrhaftigkeit zu kommen, vor Gott, dem ich sowieso nichts vormachen kann. Ich sehe meine Bedürftigkeit, spüre, dass ich zerbrechlich und endlich bin. Deswegen ist das kniende Gebet etwas Erhöhendes und richtet auf. Denn Gott nimmt mich genauso an, wie ich bin, und sagt, es ist gut so, wie Du bist. Du musst dich weder groß noch klein machen.

Was bewirkt das kniende Gebet?
Wenn ich mich in unserer Kapelle hinknie, ist es eine Haltung der Aufmerksamkeit, der Sammlung und des Aufschauens. Unsere Ikone hängt bewusst ein Stück höher, so dass ich zu Christus aufschaue. Ich blicke zu jemand auf, den ich liebe und verehre, der mir ein Vorbild ist, der es gut mit mir meint. Und das gibt mir auch Geborgenheit. Hier darf ich sein. Beten verändert mich. Weil ich in Beziehung trete, weil ich mich öffne, das Wort Gottes höre, ihm meine Bedürftigkeit hinhalte und mir etwas sagen lasse. 

Glauben Sie, dass alle Menschen, die sich in der Kirche hinknien, das auch so sehen?
Es gibt ja auch eine Ehrfurcht vor Gott. Wir Menschen kennen Allmachtsfantasien und den Wunsch, die Welt zu ändern, und sei es nur im Kleinen. Eine religiöse Beziehung einzugehen, heißt anzuerkennen, dass ich selbst nicht Gott bin, sondern endlich und begrenzt. Ich denke, dass viele Menschen im Gottesdienst genau diese Haltung spüren.

Verändert Niederknien die Welt?
Ich bin auch ein Stück Welt. Wenn das Gebet mich ändert, verändert es die Welt. So finde ich beispielsweise Ermutigung, um etwas anzupacken. Manchmal werden mir im Gebet auch Dinge klar, die mir vorher unklar waren. Und damit verändert das Gebet mich und die Welt gleich mit. Wie Gott in der Welt wirkt und welchen Anteil meine Gebete daran haben, das wissen wir nicht. Aber alles, was in Richtung Handel oder Krämerladen geht, entspricht nicht der Beziehung von Mensch zu Gott. 

Wie meinen Sie das?
Wir machen kein Geschäft mit Gott, sondern es geht um Freundschaft. Was immer auch in meinem Leben geschieht: Ich hoffe, dass du, Gott, mich nicht im Stich lässt und bei mir bleibst und am Ende alles gut ausgeht. Aber ich muss Gott nicht die einzelnen Schritte vorschreiben. Gott weiß schon, was gut ist: Dein Wille geschehe.

Andreas Kaiser