20.03.2019

Serie zur Fastenzeit, Teil 3

Schaut hin!

Österliche Bußzeit – so heißen die Wochen vor Ostern. Es ist die Zeit, das eigene Leben zu hinterfragen, falsche Wege zu verlassen und neu zu beginnen. Zum Beispiel im Umgang mit den Armen. Teil 3 unserer Fastenserie

Viel zu viele humanitäre Krisen würden viel zu wenig beachtet, klagte kürzlich die Hilfsorganisation Care. In Haiti etwa führten Naturkatastrophen, Armut und Unruhen dazu, dass fast ein Viertel der Kinder unterernährt sei. In Äthiopien bräuchten acht Millionen Menschen wegen Ernteausfällen Hilfe – eine Folge des Klimawandels. In Madagaskar seien Felder vertrocknet, Pest- und Masernausbrüche seien ein Problem. Nur wenn die Welt auf diese Krisen schaue, könnten sie gelindert werden, betonte Care.

Wer diesen Appell liest, der denkt vielleicht: Wie jetzt? Da sollen wir auch noch hinschauen? Haben wir nicht schon genug Leid und Armut im Blick? Spenden wir nicht? Reicht es nicht irgendwann? Die globalisierte Welt strengt an: Alles ist mit allem verbunden, jeder soll für alles mitverantwortlich sein. Keiner kann mehr sagen, er habe nichts gewusst. Jeder kann sich im Internet über alles informieren. Auch über die Armut auf der Welt, ihre Ursachen und die Frage, was wir damit zu tun haben. 

Je näher die Armut uns kommt, desto mehr schmerzt sie. Weil wir dadurch spüren, wie ungerecht es auf der Welt zugeht und wie gewaltig unser Wohlstand ist, verglichen mit dem Mangel der anderen. Weil uns unser Gewissen plagt mit der Frage, ob wir mit diesem Zustand leben können. Weil wir manchmal hilflos erstarren vor der Größe des Problems. Und weil vielleicht kurz die Angst aufblitzt: Was wäre, wenn ich selbst arm wäre? 

Die Armut an uns heranlassen

Vielleicht kann unsere Umkehr anfangen, indem wir die Armut an uns heranlassen, mit all den schmerzhaften Gedanken und Gefühlen. Muss ja nicht gleich die Armut der ganzen Welt sein. Reicht schon die bei uns in Deutschland. Etwa, wenn wir einen Obdachlosen sehen, der am Straßenrand kauert, uns einen Becher hinhält und um Kleingeld bittet: „50 Cent nur! Ich brauche doch etwas zu essen!“ Kann sein, dass der Reflex sagt: nicht hinhören, nicht hinsehen, nicht reagieren. Bloß weiter, bloß weg hier! 

Was, wenn wir diesem Reflex widerstehen? Wir könnten anhalten. Dem Obdachlosen ins Gesicht schauen. In die Hocke gehen, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein. Und ihn fragen, was er gerade am dringendsten braucht. Vielleicht wäre ein belegtes Brötchen vom Bäcker um die Ecke sein Herzenswunsch. Vielleicht wäre dieser Tag auch schon ein guter für ihn, weil ihn endlich mal jemand wahrgenommen hat.

Dem Obdachlosen zu helfen, ihn zu sehen, zu hören, zu riechen, ist womöglich schwieriger, als für die Armen in Afrika zu spenden. Denn das geht bequem, geräuschlos, anonym. Einmal die Einzugsermächtigung erteilen, schon bucht das Hilfswerk monatlich die gewünschte Summe ab. Den Rest erledigen die Helfer in dem Land, in das das Geld geht. Jede Spende ist wertvoll, keine Frage. Aber die Armut bleibt dabei halt abstrakt. Und angenehm weit weg.

Jesus hat die Armen nah an sich herangelassen. Er hat sich an ihre Seite gestellt. Er hat sich mit denen abgegeben, mit denen sonst niemand zu tun haben wollte. Und jenen geholfen, die Not litten. Er hat seine Jünger aufgefordert: „Verkauft euren Besitz und gebt Almosen!“ (Lukas 12,33) Papst Franziskus versucht, diese Botschaft weiterzuleben. Er betont, er wolle eine arme Kirche für die Armen schaffen. Und lädt Obdachlose zum Essen ein. 

Wir können mit anpacken – und mehr nachdenken

Und wir? Wir müssen uns nicht überfordern. Wir müssen nicht die ganze Welt retten. Aber wir in unserem Wohlstandsland könnten überlegen, was Jesu Forderung für uns heißt. Wie sie sich in unsere Welt übersetzen ließe. 

Wir könnten mit anpacken, um Armut zu lindern, bei uns um die Ecke: in der Kleiderkammer, in der Suppenküche, bei der Tafel. Wir könnten nachdenken, wo wir mit unserem Lebensstil dazu beitragen, dass andere arm sind. Etwa, weil wir neue Smartphones kaufen, für deren Rohstoffe Arbeiter im Kongo ausgebeutet werden. Oder weil wir zweimal im Jahr in den Urlaub fliegen und so den Klimawandel beschleunigen, der die Ärmsten am heftigsten trifft. Zum Beispiel in Äthiopien. Und in den Krisenländern, die niemand beachtet. Wir könnten versuchen, so zu leben, dass die Armut dort schwindet. Womöglich würde das unser Leben bereichern.

Andreas Lesch