22.01.2020

Auf dem Weg zu einem Beruf in der Kirche

Folgt auch ihr mir!

Jesus ruft – und Petrus und die anderen kommen. So erzählt es das Evangelium. Wie denken drei Menschen, die heute auf dem Weg sind zu einem Beruf der Kirche, über diese Textstelle? Ein Gespräch.

Foto: Susanne Haverkamp
Drei Berufene sprechen über das Evangelium: Markus Hartlage (45) wird Pfingsten zum Priester geweiht; Verena Albers (25) studiert Religionspädagogik mit dem Berufsziel Gemeindereferentin; Melanie Rehkamp (25) studiert Theologie und will Pastoralreferentin werden. Foto: Susanne Haverkamp


Jesus ruft die Fischer von der Arbeit weg in seinen Dienst: Wie war das bei Ihnen?
Markus Hartlage: Bei mir war das auch so, und vielleicht spricht mich dieses Evangelium deshalb so an. Ich bin gelernter Krankenpfleger und habe einige Jahre in dem Beruf gearbeitet. Für mich war es auf jeden Fall ein Wagnis, mit 34 Jahren noch mal anzufangen, etwas Neues zu studieren.

Verena Albers: Ich bin gelernte Industriekauffrau. Aber nach der Ausbildung hatte ich das Gefühl, dass ich noch mehr lernen will. Ich habe dann erst mal einen Freiwilligendienst gemacht, und das hat mich darin bestärkt, eine ganz andere Richtung einzuschlagen.

Melanie Rehkamp: Ich habe auch vorher etwas anderes gemacht, ich habe einen Bachelor in Öffentlicher Verwaltung. Und mir ging es auch so. Ich habe gedacht: Das kann doch nicht alles sein.

Markus Hartlage: Von einem ersten Beruf weggerufen zu werden, ist auch nichts Ungewöhnliches. In meinem Ausbildungskurs haben die meisten schon eine Ausbildung oder ein Studium hinter sich, oft in einem ganz anderen Bereich. Ich finde das auch wichtig, das Leben aus der Perspektive des normalen Berufslebens zu kennen, eben so wie die Leute, mit denen wir in den Gemeinden zu tun haben, auch. Meiner Meinung nach könnte für das Priesteramt in Zukunft eine abgeschlossene Berufsausbildung Voraussetzung sein.

Melanie Rehkamp: Unter denen, die in Münster Theologie studieren, ist vielleicht ein Viertel älter. Aber die meisten kommen doch nach dem Abi und vielleicht einem Freiwilligendienst.

Verena Albers: Bei mir in der Religionspädagogik haben viele einen Freiwilligendienst oder eine Ausbildung gemacht. Ich finde es grundsätzlich wichtig, die Lebenswirklichkeit außerhalb von Kirche kennenzulernen.

Melanie Rehkamp: Genau. Es ist auf jeden Fall gut, einen breiteren Horizont zu haben.

Bei Matthäus heißt es, dass Jesus rief, und „sogleich“ folgten sie ihm. Bei Ihnen hat das „Sogleich“ aber länger gedauert.
Verena Albers: Bei mir war das eher so ein stetes, leises Rufen. Ich kann mich erinnern, dass ich zum ersten Mal auf einer Zugfahrt zurück vom Katholikentag mit jemandem lange über den Beruf der Gemeindereferentin gesprochen habe. Damals war ich noch in der Realschule, da war das noch gar kein Thema.

Melanie Rehkamp: Ich würde das auch nicht als Rufen bezeichnen. Es war eher so ein Gefühl und lange nicht greifbar.

Markus Hartlage: Bei mir war das Rufen, als ich jugendlich war, ziemlich laut. Aber dann wurde es eine Zeitlang leiser – oder ich habe es nicht mehr richtig gehört.

Melanie Rehkamp: Es ist ja auch nicht schlecht, wenn es länger dauert. Spontane Entscheidungen sind ja manchmal nicht so haltbar.

Verena Albers: Außerdem beginnt es ja nicht damit, dass man sich für einen kirchlichen Beruf entscheidet. Auch ehrenamtliches Engagement zum Beispiel wie bei mir in der Jugendarbeit ist ja schon eine Antwort auf einen solchen Ruf. 

Melanie Rehkamp: Das finde ich auch. Für mich ist das Evangelium eher eine Aufforderung dafür, Kirche gestalten zu wollen. Auch im Ehrenamt und nicht nur hauptberuflich.

Gab es auf diesem Weg Menschen, die Ihnen geholfen haben, den Ruf zu hören?
Verena Albers: Ich hatte in der Zeit, als ich den Freiwilligendienst gemacht habe, ganz tolle Teamerinnen und Teamer. Die haben mich immer bestärkt und mir gezeigt, was mir liegt. 

Markus Hartlage: Meine Eltern haben auf jeden Fall die Grundlagen gelegt. Und dann war auch mein alter Heimatpfarrer wichtig. Der hat viel mit uns unternommen und war auch ganz toll in der Liturgie.

Melanie Rehkamp: Bei mir ist es so, dass es immer mal wieder Impulse gab. Im Religionsunterricht in der Schule, in der Gemeinde. Aber ganz konkrete Personen kann ich nicht nennen.

Markus Hartlage: Ich weiß auch nicht, ob das so wichtig ist. Letztlich muss die Berufung ja selbsttragend sein. Ich muss selbst überzeugt sein von meiner Entscheidung.

Als Jesus die ersten Jünger berief, gingen sie ein großes Risiko ein, schließlich war Jesus ein mittelloser Wanderprediger, die Zukunft seiner Bewegung keineswegs gewiss. Jetzt steht auch die Kirche vor einer ungewissen Zukunft. Belastet Sie das?
Verena Albers: Ich bin da, ehrlich gesagt, mit ziemlich viel Mut auf dem Weg. Bedenkenträger gibt es ja schon genug.

Markus Hartlage: Ich habe auch keine Furcht. Wir können jetzt viele Impulse aufnehmen, um gemeinsam Zukunft zu gestalten. Wenn ich zum Beispiel wie jetzt hier erlebe, wie viele tolle Leute noch auf dem Weg sind zu einem kirchlichen Beruf, dann ist das wirklich ein Rückenwind.

Melanie Rehkamp: Ich denke, uns alle erfüllt dieselbe Hoffnung: dass wir es schaffen, Kirche in Zukunft ansprechender zu gestalten.

Verena Albers: Für mich ist das überhaupt der springende Punkt bei diesem Evangelium: der Mut, den die Jünger hatten, einfach loszugehen, ohne lange zu überlegen, was dagegensprechen könnte.

Und wie sieht es aus mit Warnungen oder Unverständnis aus Ihrem Umfeld – vielleicht auch bei Leuten, die nicht so viel mit Kirche zu tun haben?
Markus Hartlage: Das gibt es, aber es ist nicht die Mehrheit. Die Mehrheit ist bestärkend. Zum Beispiel die früheren Kollegen aus der Pflege. Die haben immer gesagt: Mach das, du bist so‘n Typ.

Melanie Rehkamp: Gegenstimmen gab es, klar, aber alle haben trotzdem Respekt vor meiner Entscheidung. Und was meinen Freundeskreis angeht: Die sind vielleicht nicht unbedingt alle kirchlich aktiv, aber sind der Kirche schon grundsätzlich wohlgesonnen und finden das gut.

Verena Albers: Das ist bei mir auch so. Die meisten in meinem Umfeld finden das positiv. Und wenn ich mit Jugendlichen zu tun habe oder auch mit Leuten, die nichts mit Kirche zu tun haben oder sogar ausgetreten sind, dann erlebe ich die eher neugierig als kritisch. Die wollen wissen, warum ich das mache – und darauf kann ich ja antworten.

Moderation des Gesprächs: Susanne Haverkamp