15.01.2020

Gebetsschule

Gebärden im Gebet

Egal ob sitzen, stehen oder knien, ob mit gefalteten Händen oder mit geöffneten Armen: Jede Gebetshaltung hat eine tiefe Bedeutung. Und viele Gebetsgebärden ähneln sich in den verschiedenen Kulturen und Religionen.

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Ein Symbol für das Gebet: Die gefalteten Hände von Albrecht Dürer sind weltberühmt. Foto: imago/MCPHOTO


Schon Kinder lernen, dass bestimmte Gesten etwas bedeuten. Winken zum Beispiel ist ein Gruß oder ein Abschied; mit dem Kopf zu nicken, bedeutet „Ja“ zu sagen. Spätestens seit den gefalteten Händen von Albrecht Dürer, die früher als Bild oder Kupferstich in vielen Wohnungen hingen, gilt dieses Bild als das Zeichen des christlichen Gebets. 

Entstanden ist die Gebärde erst im 10. oder 11. Jahrhundert als Unterwerfungsgeste. Die Haltung entspricht dem Gestus der Vasallen bei der Huldigung ihrer Lehnsherren. Beim Beten soll die Geste verdeutlichen, dass sich der Beter ganz auf Gott konzentriert. „Die Hände werden zu einem Symbol des Zusammenwachsens. Aus zwei wird eins. Aus Gott und Mensch wird eine Einheit“, sagt Pfarrer Peter Dyckhoff, der zahlreiche Bücher über das Beten verfasst hat. 

Auch der katholische Religionsphilosoph und Theologe Romano Guardini hat in seinem Buch „Von heiligen Zeichen“ das energetische Geschehen beim Beten eindrucksvoll beschrieben: „Wenn einer in sich selbst sammelt, in seinem Innern mit Gott allein ist, dann schließt die eine Hand sich fest in die andere ..., so als solle der innere Strom, der ausfluten möchte, von einer Hand in die andere geleitet werden und ins Innere zurückströmen.“ Das Ganze sei wie „das Hüten des verborgenen Schatzes“, schreibt Guardini.

Am Anfang stand bei uns Christen die offene Hand. Die Darstellungen in den Katakomben Roms sprechen da eine eindeutige Sprache. Die Urchristen haben stehend, mit ausgestreckten Armen und nach oben hin geöffneten Handflächen gebetet. „In der sogenannten Orantenhaltung bildet der Mensch eine offene Schale. Er ist bereit, sich von Gott füllen zu lassen“, sagt Dyckhoff. Denn Bewegungen machen etwas mit uns, sie geben Körper, Geist und Seele wichtige Signale. Nicht umsonst beinhaltet das englische Wort für Gefühl (emotion) auch das Wort Bewegung (motion). 

Das Kreuzzeichen steht für die Dreifaltigkeit

Jeder katholische Gottesdienst ist laut Handbuch der Liturgik „ein ganzheitliches, ganzmenschliches Tun und Kommunizieren“. Beim Kreuzzeichen bekennen Christen seit 2000 Jahren die Dreifaltigkeit Gottes. Wir danken Gott, dem Vater, der „uns ausgedacht und geschaffen hat“, wir ehren Jesus Christus, der „in die Tiefe unseres Menschseins hinabgestiegen, gekreuzigt, gestorben und auferstanden ist“, und wir denken an den Heiligen Geist, „der das Linke (Böse) zum Rechten wendet“, wie syrische Christen sagen. 

Bereits Paulus bezeichnete den Körper als Tempel des Heiligen Geistes. Hildegard von Bingen sprach vom Leib als Zelt der Seele. Altvater Makarios sagte einst auf die Frage, wie man beten solle: „Es ist nicht notwendig, viele Worte zu machen; es genügt, die Hände erhoben zu halten.“ 

Der Jesuit Josef Maurereder lädt in seinen Seminaren und Exerzitien daher seit Jahr und Tag dazu ein, bewusst mit dem ganzen Leib zu beten. Er berichtet, dass viele seiner Schüler ihr Gebet anschließend als ganzheitlicher empfinden. 

Offensichtlich wird das auch bei Muslimen. Vor dem Gebet waschen sie sich kurz ab, um sauber vor Gott zu treten und halten sich die Hände hinter die Ohren, um zu zeigen, dass sie auf sein Wort hören. Und sie knien als Zeichen der Unterwerfung vor Gott nieder. „Die Gebärden, mit denen der Mensch betet, sind in allen Kulturen fast gleich“, schreibt Benediktinermönch Anselm Grün in seiner Kleinschrift „Gebetsgebärden“. 

Ein Mensch, der beim Beten steht, zollt dem Höchsten Respekt, streckt sich Gott gewissermaßen entgegen und ist sich zugleich seiner selbst durchaus bewusst. Stehen gilt als Zeichen der Aufmerksamkeit, der Würde, der Auferstehung. Das Knien ist ein Symbol der Demut und Anbetung; das Liegen ist Zeichen der Buße, der Reue und der Hingabe; das Sitzen steht für Hören, 

Besinnung und das Mahlhalten, wie es auch Jesus zeitlebens gerne praktizierte. Der Jesuit Maurereder ist überzeugt davon, dass allein diese vier leibbezogenen Gebetsweisen den Menschen in gestressten Zeiten in wenigen Minuten zur Ruhe führen können. Sie öffnen gewissermaßen das Herz für die Begegnung mit Gott. Historikern zufolge geht das Ausstrecken oder Öffnen der Arme auf die Körperhaltung der Bettler im Orient zurück. 

Ein Aneinanderdrücken der Handflächen, wie bei Dürers Bild, ist übrigens auch im asiatischen Raum durchaus üblich; etwa zur Begrüßung. Es zollt dem Gegenüber Respekt. „Die Fingerspitzen weisen dabei immer nach oben zu dem All-Einen“, wie Dyckhoff sagt. Und ganz nebenbei symbolisiert der Gruß auch: Wir alle sind eins.

Andreas Kaiser