06.02.2017

Missbrauchsskandal in Australien

"Wir Katholiken schämen uns"

In ihrer letzten Anhörung beschäftigt sich eine staatliche Kommission in Australien mit den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche. Eine brisante Frage, die geklärt werden soll: Welche Rolle spielte Kurienkardinal George Pell?

Erzbischof Denis Hart (links) im Gespräch mit Stephen Brislin, dem Erzbischof von Kapstadt. Hart warnt die Gläubigen in Australien vor schweren und bedrückenden Zeiten. Foto: KNA

"Wie konnte das passieren?" Und: "Was können wir tun, um Kinder vor Missbrauch zu schützen?" Das sind die Fragen, mit denen sich die australische Missbrauchskommission in ihrer letzten Anhörung zum Umgang der katholischen Kirche mit dem Missbrauchsskandal beschäftigen wird. Der Abschlussbericht der 2013 von Australiens Regierung eingesetzten Kommission soll noch in diesem Jahr veröffentlicht werden.

Erzbischof Denis Hart, Vorsitzender der Bischofskonferenz, bereitete Australiens Katholiken vor Beginn der Anhörung auf eine schwere Zeit vor. "Für die Opfer und die Überlebenden, für die katholische Gemeinschaft und für viele in der australischen Gesellschaft wird diese Anhörung schwierig und sogar bedrückend", so der Erzbischof von Melbourne.

Die Zahlen der Kommission zeigen: Bis zu 40 Prozent der Mitglieder katholischer Orden in Australien sowie sieben Prozent der Priester des Landes sollen in Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch zwischen 1950 und 2009 verwickelt gewesen sein. Unter den katholischen Orden wurden demnach mehr als 20 Prozent der Maristen-Schulbrüder, Salesianer und Christlichen Brüder des Missbrauchs beschuldigt. Mit 40,4 Prozent fielen vor allem die Barmherzigen Brüder vom heiligen Johannes von Gott negativ auf.

Das Durchschnittsalter der Opfer lag den Angaben zufolge bei etwa elf Jahren. Mit 90 Prozent seien Jungen die mit Abstand größte Opfergruppe. Mehr als 4.440 Personen gaben laut der Kommission an, zwischen 1980 und 2015 von Priestern, Ordensleuten und Mitarbeitern kirchlicher Einrichtungen sexuell missbraucht worden zu sein. In den meisten Fällen seien die Anschuldigungen folgenlos geblieben, sagte Gail Furness, leitende Rechtsanwältin der Kommission laut australischen Medienberichten. "Kinder wurden ignoriert oder - schlimmer noch - bestraft. Vorwürfe wurden nicht untersucht. Die Gemeinden oder Gemeinschaften, in die Beschuldigte versetzt wurden, wussten nichts von deren Vergangenheit", so Furness.

Anthony Fisher, Erzbischof von Sydney, zeigte sich in einer ersten Stellungnahme schockiert über die neuen Erkenntnisse: "Was die Kommission bisher herausgefunden hat, ist grauenvoll." Er und die Kirche bedauerten die Verfehlungen der Vergangenheit, die so viele Opfer hinterlassen hätten. Er wisse, dass viele Priester und Gläubige das Gleiche fühlten: "Wir Katholiken schämen uns." Er wies jedoch darauf hin, dass es im Missbrauchsbericht um Anschuldigungen und angebliche Täter gehe. Es werde nicht zwischen unbestätigten Vorwürfen und rechtlich geklärten Vorgängen unterschieden.

 

Täglich neue Ungeheuerlichkeiten

In den nunmehr vier Jahren Kommissionsarbeit ist kaum ein Tag vergangen, an dem nicht neue Ungeheuerlichkeiten bekanntwurden. So erfuhren die Australier, dass in den vergangenen Jahrzehnten Kinder und Jugendliche durch Geistliche aller Religionen, durch Ärzte in Krankenhäusern, durch Trainer in Sportvereinen, durch Vorgesetzte und Kameraden im Militär sexuell missbraucht wurden. In 6.433 vertraulichen Einzelgesprächen schilderten Missbrauchsopfer ihre Pein. 1.899 Fälle wurden Behörden und der Polizei angezeigt.

Die Kommission wird drei Wochen lang Beweise und Daten aus den Anhörungen der vergangenen Jahre über das Verhalten von katholischen Diözesen, Orden und Institutionen bewerten. Auch die Aussagen von Opfern, Zeugen sowie die von Kurienkardinal George Pell sollen thematisiert werden. Im Zentrum der Schlussanhörung wird zudem die Frage stehen, wie die Kirche in Zukunft den sexuellen Missbrauch von Kindern verhindern will. Dazu hat die Kommission zahlreiche Bischöfe, Kirchenrechtsexperten und andere Vertreter vorgeladen.

 

Kommission: Aussagen von Pell "unglaubwürdig"

Unterdessen gab es eine neue Entwicklung mit Blick auf die Vorwürfe gegen Kurienkardinal George Pell. Die Polizei übergab nach übereinstimmenden Berichten der zuständigen Staatsanwaltschaft Beweismaterial, das belege, dass Pell zwischen 1978 und 2001 als Priester in Ballarat und später als Erzbischof von Melbourne mehrere Jungen sexuell missbraucht habe. Die Staatsanwaltschaft solle prüfen, ob das Material für eine Anklage ausreiche, hieß es.

Bereits im Herbst 2016 bezeichnete die Kommission etliche Aussagen und Dementis von Pell und anderen Kirchenoffiziellen als "unglaubwürdig". Als Erzbischof von Melbourne hatte Pell allerdings auch mit der "Melbourne Response" erste Maßstäbe für einen neuen Umgang der Kirche mit Missbrauch gesetzt.

 

KNA