„Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken!“ So spricht Gott, der Herr, im Jesajabuch. Und so scheint Leserinnen und Lesern der Bibel, seien sie gläubig oder nicht, oft genug als schwere Kost, was sie in der Bibel vernehmen.
Manche Texte bleiben mit dem eigenen Verständnis von Gott und Glauben unvereinbar oder gar komplett rätselhaft. Der niederländische Theologe und Philosoph Erasmus von Rotterdam (1465–1536) hat dies schon benannt. Um ihre „dunklen“ Stellen aufzuhellen, empfiehlt Erasmus, sich systematisch mit der ganzen Bibel auseinanderzusetzen, um aus dieser Gesamtsicht heraus den unverständlichen Einzeltext verständlich zu machen. Gott spreche eben nicht nur in einem isolierten Vers, sondern immer in der gesamten Schrift. Vielleicht hilft dies auch heute.
Ein gutes Beispiel ist der Vers „Auge für Auge, Zahn für Zahn“, der im 21. Kapitel des Exodusbuches steht. Üblicherweise wird er als Forderung eines rachsüchtigen Gottes verstanden, der für ein Leben ein anderes fordert. Erasmus würde uns nun aber darauf hinweisen, dass der Zusammenhang des Verses beachtet werden muss. Tatsächlich geht es in diesem Schriftabschnitt nämlich um Schadensersatzforderungen im Falle von Körperverletzungen mit und ohne Todesfolge, jedoch nicht um vorsätzliche Tötungen. Üblicherweise wird hier ein Bußgeld für einen Schaden bezahlt. Jeder weiß jedoch, dass es auch unersetzliche Verluste gibt, für die nun die Vergeltungsformel „Auge für Auge“ eingefügt wird.
Mit Geld lässt sich nicht alles wiedergutmachen
Sie soll an dieser Stelle besagen: Es gibt Dinge, die man nicht mit Geld wiedergutmachen kann. Schaut also, ob nicht ein anderer Ersatz möglich ist. Ein Beispiel dafür steht direkt im Anschluss im Bibeltext. Schlägt ein Herr seinem Sklaven ein Auge aus, bekommt er dafür nicht etwa auch ein Auge ausgeschlagen, kann sich aber auch nicht einfach mit Geld freikaufen, sondern soll den Sklaven dafür freilassen. Der Zusammenhang von „Auge für Auge“ hilft also, diesen Satz besser zu verstehen und ihn nicht schlicht als Racheformel zu begreifen.
Ein etwas größerer Zusammenhang ist für einige Äußerungen Jesu nötig, die verstörend auf jene wirken, für die Jesus von Nazaret vor allem Frieden und Liebe in die Welt gebracht hat. Gerade ihnen jedoch hält Jesus entgegen: „Meint nicht, dass ich gekommen bin, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ Natürlich ist Jesus nicht auf einmal zum Krieger geworden, der zu den Waffen ruft, aber er formuliert hier besonders scharf und provozierend, um die Illusionen seiner Jünger zu zerstören. Die Botschaft Jesu wird nicht von allen angenommen werden und so wird es, wie der nächste Vers beschreibt, schon in den Familien Streit um den richtigen Weg des Glaubens und Lebens geben, erst recht aber wird dies auf die gesamte Welt hin gesehen passieren. Jesu eigener Tod, die Geschichte der Christenverfolgungen und nicht zuletzt die Kirchengeschichte werden seiner Prognose recht geben.
Auch die Aussage Jesu aus dem 19. Kapitel bei Matthäus, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel gelange, stößt öfter auf Kopfschütteln. Haben Reiche denn gar keine Chance verdient und warum wird dafür solch ein merkwürdiges Bild bemüht? Dem Spruch geht die Geschichte von dem jungen Mann voraus, der zwar alle Gebote befolgt, sich aber nicht von seinem Reichtum zu trennen vermag. Darüber wird Jesus traurig und urteilt: „Er wird schwer in die Herrschaft der Himmel hineinkommen.“ Anschließend versetzt er den Jüngern den provozierenden Spruch vom Kamel im Nadelöhr. Er verschärft bewusst und macht deutlich: Bei der Entscheidung zu seiner Nachfolge darf persönlicher Reichtum keine Rolle mehr spielen. Für wen weltlicher Reichtum das Wichtigste ist, der wird Jesu Botschaft nie recht verstehen und danach handeln können.
Auch weitere biblische Texte erregen immer wieder Anstoß und werden unterschiedlich interpretiert – und das seit Jahrtausenden. Bestes Beispiel dafür ist die Opferung oder Bindung Isaaks durch Abraham in Genesis 22. Früher wurde sie als Legende über die Ablösung von Menschenopfern durch Tieropfer gedeutet, heute mal als Glaubensprüfung für Abraham, mal als Akt der Unterwerfung Abrahams durch Gott, mal als Vorausschau des Opfers Jesu am Kreuz verstanden.
Das Volk Israel hat durch die gesamte Geschichte hindurch in Zeiten der Not diese Erzählung als Zusage Gottes begriffen, der zwar nicht immer vor dem Gang in den Tod bewahren kann, aber im Tod rettet. Doch bleibt diese Geschichte vom Vater, der auf Gottes Befehl seinen Sohn opfern soll, für viele skandalös und unverständlich und die Anzahl ihrer Auslegungen sind bis zu mystischen und esoterischen Deutungen hin immens.
Einiges bleibt über die Zeiten hin rätselhaft
So lässt sich mit dem Vorschlag des Erasmus von Rotterdam, immer den ganzen Zusammenhang der Bibel mitzubedenken, wenn man eine Textstelle verstehen will, sicherlich nicht alles befriedigend erklären. Manches Dunkel lässt sich erhellen, manches Provozierende möchte man nicht akzeptieren, andere Stellen bleiben über die Zeiten hin rätselhaft und vieldiskutiert. „So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Gedanken über eure Gedanken“, spricht Gott, der Herr, im Jesajabuch.
Christoph Buysch