04.10.2017

Anfrage

Welche von Luthers Thesen sind noch von Bedeutung?

Meines Wissens nach sind vor allem die 95 Thesen von Martin Luther für die Kirchenspaltung verantwortlich (vielleicht nicht nur). Welche der Thesen sind denn heute noch von Bedeutung? K.-P. T., per E-Mail


Martin Luther wollte – so ist sich die Forschung heute weitgehend einig – keine Kirchenspaltung. Mit seinen Thesen, die vor allem die Ablasspraxis der damaligen Zeit kritisieren, wollte er als Katholik innerkirchlich aus seiner Sicht nötige Debatten und Reformen anstoßen. Seine Kritik verselbstständigte sich aber, und auch er selbst radikalisierte sich in seinen Ansichten, als die konstruktive Auseinandersetzung mit seiner Kritik von kirchlicher Seite ausblieb.

Der Bochumer Neutestamentler Thomas Söding hat die Thesen Luthers aus heutiger Sicht als „reformkatholisch“ bezeichnet. Der Kern der Kritik Luthers bestehe darin, dass der Ablass, wie er damals gepredigt wurde, der Bibel widerspreche. „Er schreibe der Kirche und besonders dem Papst ein Recht zu, das ihm nicht zustehe; er führe zu einer Veräußerlichung des Glaubens, zu einer Abhängigkeit einfacher Menschen von angemaßter Autorität“, fasst Söding zusammen.

Martin Luther ging es in seinem Verständnis von Rechtfertigung, auf dessen Grundlage er die damalige Ablasspraxis kritisierte, vor allem um die Frage: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Dabei berief er sich auf Worte des Apostels Paulus im Galater- und Römerbrief. Daraus entwickelte sich die Frage, ob der Mensch zum Heil durch eigene Werke beitragen kann – oder ob die Gnade Gottes als Geschenk so unverfügbar ist, dass sie weder erworben noch verhindert werden kann.

Es kam zu Lehrverurteilungen, die eine Kirchenspaltung verfestigten. In den Jahrhunderten danach hat sich die Theologie aber auch weiterentwickelt, so dass es in der sogenannten Rechtfertigungslehre zwar heute noch Unterschiede gibt, die die Kirchen aber nicht mehr trennen. Das Heil ist nicht von guten Werken abhängig, vielmehr ergeben sich die guten Werke aus dem Glauben als logische Folge. Ein Meilenstein ökumenischer Theologie ist die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ in Augsburg 1999. Damit sehen Lutheraner und Katholiken keine kirchentrennenden Unterschiede mehr in der Lehre zur Rechtfertigung.

Von Michael Kinnen