Kommentar

Wehe uns Reichen!

Von Roland Juchem

Hunderttausende Menschen in 950 Städten in 82 Ländern: Es war eine große und bunte Bewegung, die sich am vergangenen Wochenende in die Stadtzentren zwischen Melbourne und San Francisco aufgemacht hat: Schüler und Rentner, Spinner und Strategen. Ein diffuses Gefühl der Ungerechtigkeit eint sie, auch wennmanche Schaulustige nur kamen, um zu schauen, was andere machen und das „irgendwie gut“ fanden.Die in New York begonnene Bewegung „Occupy Wall Street“ (Besetzt die Wall Street) gab den schon länger Unzufriedenen andernorts einen Namen. So besetzten sie Bank- und Börseneingänge und suchen nach einem gemeinsamen Nenner. Der ist nicht leicht zu finden. Noch weniger sind es konkrete Forderungen. Übelnehmen darf man ihnen das nicht. Auch Wirtschafts- und Politikfachleute tun sich schwer mit Rezepten, wie den unleugbaren Problemen beizukommen ist.
Etliche Slogans der Demonstranten erinnern frapant an die Schelte alttestamentlicher Propheten gegen die Reichen ihrer Zeit: „Weh denen, die die Gerechtigkeit zu Boden schlagen … Weh den Sorglosen und den Selbstsicheren“ (Amos 5,7; 6,1). Was viele Menschen heute definitiv bewegt, ist das Gefühl von Ungerechtigkeit und Perspektivlosigkeit, gerade der Jungen. Das muss ernstgenommen werden. Zum einen gibt es gute Gründe dafür; zum anderen bestimmen Gefühle und Reflexe unser Wahl-und unser Konsumverhalten. Werbe- und Wahlkampfstrategen setzen darauf. Banker und Politiker sollten sich über soziale Gefühlsduselei daher nicht beschweren. Dennoch steht den Demonstranten und ihren Sympathisanten Selbstkritik an.
Ihr Slogan „Wir sind die 99 Prozent“ kommt locker rüber – und erinnert an die DDR-Opposition im Herbst 1989. Er kaschiert aber die Unterschiede unterhalb der Superreichen. Zudem haben Studenten und Rentner, Häuslebauer wie Sozialhilfeempfänger von unserem kapitalistischen System ebenfalls profitiert. Nicht nur die Griechen, wir alle leben auf Pump. Wir wählen eine Politik, die mehr Geld ausgibt, als vorhanden ist. Wir verbrauchen mehr Ressourcen, als die Erde uns bietet. Und wie würden wir „99 Prozent“ im Norden reagieren, wenn plötzlich die drei Fünftel der Menschheit im Süden vor unsere Shoppingcenter und Reihenhäuser ziehen?
Einige aktuelle politische Forderungen sind klar: strengere Regeln für Banken, saubere Staatshaushalte ohne Schulden und das Ende der Zockerei auf Finanzmärkten. Dann aber folgt der Griff an die jeweils eigene Nase.